Aspekte der Geschichte Hahndorfs

Kulturerbe versus Tourismus

In den 1960er und 1970er Jahren wurde Hahndorf zu einem beliebten Touristenziel, vor allem weil es von Adelaide aus leicht zu erreichen war. Bis Anfang der 1970er Jahre führte der Princes Highway mitten durch Hahndorf – das ist der Fernverkehrsweg, der von Adelaide in den Südosten des Staates und nach Victoria führt. Als der South East Freeway 1972 an Hahndorf vorbeiführte und den Fernverkehr aus dem Zentrum von Hahndorf entfernte, wurde Hahndorfs Hauptstraße für Besucher noch attraktiver.

Ladenschild

Laden, der ›German Village Shop‹, Hahndorf (2019)

Foto: Wikimedia Commons / Dietmar Rabich, Hahndorf (AU), The German Village Shop -- 2019 -- 0691, CC BY-SA 4.0

Viele Geschäfte und Restaurants konzentrieren sich auf deutsche Produkte und deutsches Essen und betonen deutsche Traditionen und Kulturartefakte, die aus Süddeutschland stammen (und nicht aus den Regionen Nordostdeutschlands, aus denen die ursprünglichen Siedler kamen), weil dies die kulturellen Merkmale sind, die die meisten Australier leicht mit Deutschland in Verbindung bringen.

In den 1970er Jahren und seitdem gab es zeitweise Spannungen zwischen dem Bestreben, Hahndorfs touristische Bedürfnisse zu befriedigen, und dem Wunsch, das Erscheinungsbild der historischen Straßen und Gebäude zu schützen. Einige Einwohner waren besorgt, dass zu viel Entwicklung das historische Erscheinungsbild des Ortes zerstören könnte. In ihrem Buch Hahndorf : a journey through the village and its history beschreibt Anni Luur Fox die 1970er Jahre als ein Jahrzehnt besonders harter Arbeit für die Menschen in Hahndorf, die historische Gebäude und das örtliche Kulturerbe vor dem Abriss bewahren wollten.[1]

Am 14. Juni 1978 veröffentlichte die lokale Zeitung Mount Barker Courier eine Karikatur mit ergänzendem Artikel, die auf spielerische Weise eine Lösung vorschlug zum Gegensatz zwischen, auf der einen Seite, den Bedürfnissen von Touristen und Tourismus-abhängigen Geschäften in Hahndorf, und auf der anderen Seite, den Bedürfnissen der Anwohner von Hahndorf, die die friedliche Ruhe in ihrem historischen Dorf schätzen.

Die Karikatur und der Artikel schlugen vor, dass man eine Replik von Hahndorf nah der Stadtmitte von Adelaide schafft, die so deutsch wie möglich wirkt und so viel Deutsches wie möglich anbietet (auch wenn diese Dinge nicht der preußisch/schlesischen Kultur der Gründer Hahndorfs entsprechen würden!).[2]

Karikatur

Die Karikatur zeigt das "Neo-Hahndorf".

Die Karikatur erscheint hier mit freundlicher Genehmigung der Zeitung The Courier (Herausgeber I.J. Osterman) sowie der State Library of South Australia.

Der augenzwinkernde Artikel unter der Karikatur in The Courier enthielt den folgenden Text:

At last – the real, genuine, Neo-Hahndorf! There has been an increasing conflict in recent years between the needs and requirements of Hahndorf’s residents and the demands of the hordes of tourists who descend on the town every weekend. In the midst of the conflict, the historic German character is in serious danger of being crushed and forgotten. (Allegedly a Hahndorf resident and Courier reader, Mr N.H. Noble suggested THE NEO-HAHNDORF!) Says Mr Noble – “Full use could be made of pseudo-Bavarian (Prussian-Silesian) architecture to create a piece of colourful Colonial history right there in the centre of Adelaide.”

Einige Ladenbesitzer in Hahndorf geben ihrem Geschäft einen Namen, der ihrer Meinung nach zum deutschen Charakter von Hahndorf passt, zum Beispiel ›Das Kaffeehaus‹. In mindestens einem Fall hat der Versuch, einen deutschen Namen zu verwenden, nicht geklappt. Stammtisch ist ein deutsches Wort, das sich auf eine Gruppe von Menschen bezieht, die sich regelmäßig und zwanglos treffen, und es kann sich auf den Tisch beziehen, an dem sie sitzen. Außerhalb der deutschsprachigen Länder Europas gibt es in verschiedenen Ländern viele deutschsprachige Restaurants, Bars und Kneipen mit dem Namen ›Stammtisch‹. Dieses Foto zeigt eine Bar und ein Restaurant in Hahndorf, deren Besitzer einen Fehler bei der Schreibweise des Namens auf dem Schild gemacht haben. Das Schild ist nicht mehr zu sehen.

(Foto © D. Nutting) Schild an einem Gebäude

Schild über dem Eingang einer Bar namens Der Stumptisch

In einem deutschsprachigen Online-Reiseforum antwortete eine deutsche Backpackerin mit dem Benutzernamen ›Struzinelle‹ auf einen Beitrag über das ›Stumptisch‹-Schild - sie schrieb: »In Hahndorf waren wir 2002 auch und haben uns sehr über eine „deutsche“ Kneipe namens „Stumptisch“ amüsiert :D«

Die Regierung von Südaustralien erklärte Hahndorf 1988 offiziell zum Denkmalschutzgebiet. Dennoch kommt es im heutigen Hahndorf gelegentlich zu Konflikten zwischen Entwicklungs- und Denkmalschutzinteressen. John W., ein Einwohner von Mylor in den Adelaide Hills (etwa 8km von Hahndorf), schrieb im September 2018 einen Brief an die Regionalzeitung der Adelaide Hills (The Courier), in dem er das Vorhaben des Mount Barker Council kritisierte, ein altes Steingebäude in der Hauptstraße von Hahndorf zu verändern. Herr Woffinden schrieb, dass Hahndorf für sich selbst als Kulturerbe wirbt. Er behauptete, Hahndorf ziehe Besucher an, die eine sehr frühe deutsch-australische Siedlung sehen wollten, die einen Eindruck davon vermittle, wie Australien in einer früheren Zeit ausgesehen habe.[4]

›Our Heritage At Risk‹ (Unser gefährdetes Erbe) war ein nationales Programm der National Trusts in Australien, das das Bewusstsein für Fragen des Kulturerbes in Australien schärfen sollte. Die Website der Initiative behauptete im Jahre 2014, Hahndorf sei in Gefahr, seine kulturelle Integrität an den Tourismus zu verlieren. Die Initiative merkte an, dass Hahndorf durch die »Überkommerzialisierung« Schaden nehmen könnte, und kritisierte das »visuelle Durcheinander« zu vieler Hinweisschilder auf der Hauptstraße. Man meinte, dass ungeeignete Gebäude eine Baugenehmigung erhielten.[5]

Der Lonely-Planet-Reiseführer für Australien gab 2017 einige positive Kommentare über Hahndorf ab (hier in Übersetzung):[6]

Wie The Rocks in Sydney und Richmond in der Nähe von Hobart ist Hahndorf eine koloniale Enklave der alten Welt, die ihre Geschichte hemmungslos ausnutzt: Sie ist so etwas wie eine Kitschparodie ihrer selbst. Abgesehen davon ist Hahndorf unbestreitbar hübsch. (...) Es wird auch langsam weniger kitschig, mehr cool: Es gibt jetzt ein paar gute Cafés hier.

Lonely Planet Australia, 2017

In einem Buch über historische australische Städte heißt es über Hahndorf (hier in Übersetzung): »Trotz des Tourismusdrucks hat sich Hahndorf einen europäischen Charakter bewahrt, der es unter den australischen Kleinstädten unterscheidet.«[7]

(Foto © D. Nutting) Ortseingangsschild

Ein Schild an der Seite der Straße begrüßt Besucher bei der Ankunft in Hahndorf

♦ Einzelnachweise:

1. Fox (2002), S.46

2. Mount Barker Courier - die Karikatur erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers der Zeitung, Ian Osterman. Persönliche Mitteilung (Telefon) 05.11.2019.

3. Der Blog ist nicht mehr öffentlich einsehbar.

4. The Courier, 05.09.2018, S.6 (Zeitung für die Adelaide Hills)

5. The National Trust. Our Heritage At Risk (archivierte Seite vom 14. Februar 2014 beim Internet Archive)

6. Atkinson, Brett et al (Lonely Planet Publications Staff). (2017). Lonely Planet Australia. Lonely Planet Publications. S.738-739.

7. Morrison, Robin. & Irving, Robert. (1998). Reader's Digest Book of historic Australian towns. (2nd ed.) Surry Hills (NSW). S.160

♦ Literatur:

Fox, Anni Luur. (2002). Hahndorf : a journey through the village and its history. Hahndorf (S. Aust.) : Anni Luur Fox.