Aspekte der Geschichte Hahndorfs

Die Auswanderung und die Schiffsreise
- Überblick -

Die ersten größeren Gruppen deutscher Einwanderer kamen 1838 unter der Führung eines Geistlichen namens Pastor Kavel nach Australien, vor allem um Glaubensfreiheit zu suchen. Sie nahmen eine große Herausforderung an, als sie ihr Heimatland verließen. Sie segelten auf die andere Seite der Welt (was aus heutiger Sicht fast einer Reise zu einem anderen Planeten gleichkommt) und kamen in einer britischen Kolonie an, deren Hauptstadt Adelaide erst zwei Jahre alt war und über kaum Infrastruktur verfügte. Bevor sie Europa verließen, mussten sie von ihren kleinen Dörfern in den preußischen Provinzen Brandenburg und Schlesien (im Osten von Deutschland) drei Wochen lang auf Flusskähnen zum Hafen Altona (bei Hamburg) fahren.
➜ Du kannst mehr über die Reise auf Flusskähnen zum Hafen Altona hier lesen.

Insgesamt segelten drei Schiffe 1838 von Altona nach Australien; davon ist die Zebra das berühmteste Schiff. Die ersten zwei Schiffe Bengalee und Prince George (mit Pastor Kavel) kamen im November 1838 in Adelaide an und die Passagiere gründeten das Dorf Klemzig, etwa 6km von Adelaide. Sechs Wochen später kam die dritte Gruppe von deutschen Einwanderern auf der Zebra in Südaustralien an.

Gemälde: in der State Library of South Australia

Gemälde: das Segelschiff Zebra. Text am unteren Rand des Bilderrahmens lautet: "Zebra von Altona, geführt durch Capitain D.M. Hahn. Jahr 1840"
Böttger, Jacob Ahrend Hinrich. 1842. (Aquarell, Feder und Tinte)

State Library of South Australia, PRG 578/11

Als der Eigentümer des Schiffes Zebra den Schiffskapitän Dirk Hahn zuerst fragte, ob er nach Adelaide segeln möchte, kannte er nicht einmal den Namen der Stadt, und musste sich selber die notwendigen Seekarten aussuchen. Da er vorher unangenehme Erfahrungen mit Auswanderern in die USA gemacht hatte, wollte er die Reise nach Adelaide zunächst nicht antreten,[1] aber er ließ sich schließlich dazu überreden. Die Auswanderer mussten aber selber die Vorräte für die lange Fahrt vorbereiten und sich selber organisieren. Endlich aber verließ die Zebra am 12.8.1838 Altona, das heute ein Stadtteil von Hamburg ist, aber damals eine selbstständige Stadt war und zu Dänemark gehörte.

(Photo © D. Nutting) Gemälde

Eine Wandtafel im Restaurant des Hahndorf Inn, die die Route des Segelschiffes Zebra zeigt.

Während der viermonatigen Reise kam es zwischen den Passagieren auf der Zebra manchmal zu kleinen Streitereien und Auseinandersetzungen, und Kapitän Hahn musste gelegentlich eingreifen und ›die Wogen glätten‹. Die Bedingungen auf der Zebra waren schwierig, da das Schiff ursprünglich ein Frachtschiff war und die Zimmerleute Teile des Schiffes umbauen mussten, um die Passagiere unterzubringen. Auch das Essen, das die Passagiere organisiert hatten, war für die Reise nicht sehr zufriedenstellend. Kapitän Hahn schlachtete sein eigenes Schwein, das er den Passagieren zu essen gab.[2] Die meisten der Auswanderer wurden seekrank, und das Schiff wurde von den Krankheiten Typhus, Skorbut und Pocken heimgesucht. Sechs Erwachsene und fünf Kinder starben unterwegs, die anderen 186 Passagiere kamen am 2.1.1839 gesund in Port Adelaide an.

Die Landung in der Nähe von Port Adelaide war eine unangenehme Erfahrung. Es gab Mangrovensümpfe und knietiefen Schlamm. Damals trug der Ort den Spitznamen ›Port Misery‹ - bis zum Bau richtiger Hafenanlagen mussten die Schiffe in einiger Entfernung vom Ufer ankern, weil das Wasser sehr flach war. Die Passagiere der Zebra mussten in Ruderbooten vom Schiff zum Ufer fahren und das letzte Stück des Weges an Land waten. Seeleute von der Zebra trugen die Frauen und Kinder huckepack hinüber.[3]

Colonel William Light (Surveyor General für die Kolonie South Australia) wählte den ursprünglichen Landeplatz aus. Dort steht ein Denkmal (am Settlers Drive, West Lakes), 1986 eingeweiht »im südaustralischen Jubiläumsjahr zum 150. Jahr der Erinnerung, des Mutes, der Aufopferung, des Glaubens und des Eifers der Einwanderer aus Großbritannien und Norddeutschland, die im alten Hafen ›Port Misery‹ 1837-1840 landeten, um die Kolonie Südaustralien zu gründen und sich dort niederzulassen« (Text auf der Gedenktafel, hier in Übersetzung).

Denkmal

Die Gedenktafel am ursprünglichen Landeplatz im heutigen West Lakes

Während der langen Reise hatte diese Gruppe Auswanderer Kapitän Hahn sehr beeindruckt. Trotz ihrer gelegentlichen Streitigkeiten war Hahn von ihrem religiösen Eifer und ihrem inbrünstigen Gesang beeindruckt. Er war besorgt um ihre Zukunft in einem fremden Land: sie waren arm, sie konnten kein Englisch, sie wussten nicht, wo sie sich ansiedeln sollten. Als er von einem neu entdeckten Gebiet sehr fruchtbaren Landes in den Adelaide-Hügeln hörte, besuchte er die Gegend selbst, begleitet von englischen Großgrundbesitzern. Dann half er seinen Zebra-Passagieren, etwa 50 Hektar Land im Onkaparingatal zu pachten und Tiere (Kühe, Schweine usw) auf Kredit zu besorgen. Dadurch konnten die Auswanderer ihre eigene Siedlung gründen und als Gemeinde zusammenleben.

Natürlich waren die Auswanderer für diese Angebote dankbar und beschlossen, die Siedlung ›Hahndorf‹ zu nennen, um den Kapitän Hahn zu ehren. Aber damit waren ihre Probleme nicht zu Ende. Ihr Land lag etwa 30 Kilometer von Adelaide entfernt, noch weiter vom Hafen, wo sie zu der Zeit wohnten. Es gab keine Straßen, kaum Wege durch die Berge. Außerdem waren sie zu arm, um einen Pferdewagen für den Transport ihrer Sachen zu mieten. Sie mussten also die lange Strecke zu Fuß zurücklegen und selber alles schleppen; nur wenige besaßen kleine Handkarren, die sie selber bauten. Die Passagiere mussten alle ihre Gerätschaften und Möbel und Haushaltsgegenstände, die sie aus Deutschland mitgebracht hatten, in Etappen schleppen. Professor Augustin Lodewyckx beschrieb die Reise nach Hahndorf so:

Alles Gepäck, Kleider, Betten, Küchengeräte und anderer Hausrat wurden auf dem Rücken oder auf ganz einfachen hölzernen Handkarren, die man selbst erst machen musste, den langen Weg in der heißen australischen Sonne geschleppt. Denn all diese Gegenstände hatte man aus der Heimat mitgebracht. Und wenn man einen Teil des Gepäcks eine Strecke weit befördert hatte, musste man wieder zurück, um noch mehr herbeizuholen, bis alles beisammen war.[4]

Professor Lodewyckx

Die letzten Zebra-Passagiere erreichten die neue Siedlung Hahndorf erst nach sechs Monaten.

♦ Einzelnachweise:

1. »Diese Nachricht überfiel mich wie ein kalter Regen.« (siehe Hahns Beschreibung der Reise der Zebra)

2. Kuchel (2014)

3. Schubert, David. (1997). Kavel's People. From Prussia to South Australia. Second edition. Highgate (South Australia): H. Schubert. S.77; Lodewyckx (1932), S.45; Leske (1996), S.28

4. Lodewyckx (1932), S.45

♦ Literatur:

Hahn, Dirk M. Die Reise mit Auswanderern von Altona nach Port Adelaide Süd-Australien 1838. ed. Martin Buchhorn. Zürich: Pendo-Verlag, 1988. Ursprünglich geschrieben von Kapitän Hahn in seinem Notizbuch unter dem Titel: Die merkwürdigsten Begebenheiten / meines Lebens. / Von meinem 35ten Lebensjahr bis zum 48ten Jahr / meines Alters.

Kuchel, Rachel. (2014, April 10). Captain Compassion. Lutheran Church of Australia. (Online-Artikel). Von der Archivarin der LCA.

Leske, Everard. (1996). For Faith and Freedom: the Story of Lutherans and Lutheranism in Australia 1838-1996. Adelaide: Openbook Publishers. S.31

Lodewyckx, Prof. Dr. A. (1932). Die Deutschen in Australien. Stuttgart: Ausland und Heimat Verlagsaktiengesellschaft. S.43-46

Tampke, Jürgen & Colin Doxford. (1990). Australia, Willkommen. Kensington NSW: New South Wales University Press. S.30-32

➜ Teile einiger der obigen Absätze (hier in leicht abgewandelter Form) sind einem Unterrichtsmaterial entnommen, dessen Herkunft und Autor mir leider nicht mehr bekannt sind.