Die ›German bands‹
Wanderblaskapellen in Australien
Heute verbinden viele Australier den Begriff „deutsche Blaskapellen“ mit der lebhaften, extrovertierten „Oom-Pah“-Musik, wie sie beim Oktoberfest oder in bayerisch geprägten Restaurants gespielt wird. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren jedoch umherziehende deutsche Blaskapellen ein regelmäßiger Anblick auf australischen Straßen und bei öffentlichen Veranstaltungen. Diese Musiker kamen während des Goldrauschs der 1850er Jahre in großer Zahl nach Australien und wurden zu einem wichtigen Bestandteil des lokalen Unterhaltungsangebots, bis sie mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs plötzlich verschwanden.[1]
Die Wahrnehmung dieser Straßenkünstler in Australien war von der britischen Kultur geprägt, wo deutsche Blaskapellen in Seebädern und auf den Straßen der Städte bereits ein alltäglicher Anblick waren.[2]
Bis 1891 waren die Deutschen zur größten nicht-englischsprachigen Einwanderergruppe in Australien geworden; die Zahl der in Deutschland geborenen Einwohner erreichte fast 45.000. Diese wachsende Gemeinschaft gründete rasch Kulturvereine, Clubs und ›Deutsche Vereine‹[3] Diese Veranstaltungsorte sowie von Deutschen geführte Hotels und Biergärten verschafften den Blaskapellen regelmäßige Arbeit. Auch die Briten in Australien und Australier britischer Abstammung genossen diese deutschen Feste und Picknicks. Für junge Menschen, die so weit von Europa entfernt lebten, war das Hören einer deutschen Blaskapelle, die traditionelle Melodien spielte, eine aufregende Möglichkeit, internationale Kultur zu erleben.[4]
Programmheft für die Vorstellungen im New Queen’s Theatre, Adelaide, Dienstag, 17. November 1846.
Konzert: The German Mining Brass Band.
Bildquelle: State Library Victoria (MS8827/11/664).
Das Phänomen der deutschen Blaskapellen, der »German bands«, begann schon früh, noch vor den Goldräuschen. Im November 1846 traf eine »German Mining Brass Band« in Adelaide ein, um klassische Werke von Komponisten wie Beethoven und Händel aufzuführen, bevor sie weiter nach Norden reiste, um in den Städten der südaustralischen Kupferminen aufzutreten.
Bereits 1851 veranstalteten musikalische deutsche Familien Tanzabende in Hotels in Sydney. Die eigentliche ›Ära der deutschen Blaskapellen‹ begann jedoch erst 1854. Wanderkapellen verbreiteten sich rasch über die Goldfelder Victorias und in Großstädte wie Melbourne, Sydney, Adelaide, Hobart und Launceston. Eine Zeitung beklagte sich 1854, dass deutsche Kapellen »täglich die Straßen heimsuchten«, während Melbournes Zeitung The Argus feststellte, man könne sie an fast jeder Ecke der Stadt antreffen. The Argus schrieb 1907, dass die deutschen Kapellen ihre Rundgänge durch Melbourne und die Vororte mit großer Pünktlichkeit absolvierten und offenbar nach einem sorgfältig geplanten Tourplan vorgingen.[5]
Im Vorfeld der Schlacht beziehungsweise des Aufstands an der Eureka Stockade in Ballarat im Jahr 1854 spielte eine deutsche Musikkapelle im Rahmen der Exerzierübungen der rebellierenden Bergleute Militärmärsche.[6] Diese Kapelle ist in einer Szene des 1949 von den Ealing Studios gedrehten Films über die Eureka Stockade zu sehen.[7] Der australische Bushranger (= Gesetzloser, der auf dem Lande aktiv war) ›Captain Thunderbolt‹ überfiel in den 1860er Jahren eine deutsche Kapelle auf einer Straße im ländlichen New South Wales. Die Geschichte von der Begegnung des Bushrangers Captain Thunderbolt mit einer deutschen Blaskapelle ist in australischen Kinderbüchern zu finden. Im Jahr 1975 veröffentlichten der australische Volkskundler, Musiker und Autor Alex Hood sowie der Illustrator Bob Smith das Buch Herman’s German Band Meets Thunderbolt. Im Jahr 2023 brachten Jane Jolly und Liz Duthie ein illustriertes Kinderbuch (Captain Thunderbolt's Recital) über die Begegnung von Captain Thunderbolt mit der deutschen Blaskapelle heraus. Du kannst hier mehr über Captain Thunderbolts Begegnung mit der deutschen Blaskapelle lesen und seine Statue sehen.
Zwar war das Straßenmusizieren ihre übliche Tätigkeit, wenn besser bezahlte Auftritte nicht verfügbar waren, doch erfüllten diese Kapellen eine bemerkenswert breite Palette von Aufgaben.[8] Sie spielten bei klassischen Konzerten in Sälen, bei Sportveranstaltungen, Pferderennen, Regatten und sogar bei Gottesdiensten und Beerdigungen. Deutsche Musiker wurden für ihr Talent geschätzt und bildeten den musikalischen Kern der frühen australischen Theaterorchester.[9] Die meisten deutschen Siedlungen oder Städte im ländlichen Australien hatten eine Blaskapelle, wie beispielsweise Jindera (NSW), Tanunda (S.A.) und Hatton Vale (QLD). Die Tanunda Town Band wurde 1857 gegründet und hat bereits internationale Tourneen unternommen. Weitere Informationen über die Band findest du auf ihrer Website.
Die Tanunda Brass Band im Jahre 1908
The Australasian Sketcher with Pen and Pencil war eine Monatszeitschrift, die zwischen 1873 und 1889 in Melbourne vom Verlag The Argus herausgegeben wurde. Im Jahr 1887 veröffentlichte sie eine Illustration zum Thema ›Freuden am Meer‹ (seaside pleasures) – typische Erlebnisse an den Stränden von Melbourne, zu denen auch die Musik von »That leedle German Band!« gehörte. Die vollständige Illustration kannst du auf der Website der State Library of Victoria ansehen.
"Seaside pleasures (Freuden am Meer). [Ausschnitt aus einem Stich, veröffentlicht in The Australasian Sketcher with Pen and Pencil, 24. Februar 1887]
Melbourne : Alfred Martin Ebsworth 1887.
Source: State Library Victoria (A/S24/02/87/25).
Die Forscherin Veronica Boulton schreibt dazu (hier in Übersetzung): »Bis zum Aufkommen des Rundfunks in den 1920er Jahren war die Blaskapelle für viele Menschen die einzige Möglichkeit, Live-Musik in einem Konzert zu hören.«[10] In einer Zeit vor modernen Lautsprechern war der laute Klang von Blasmusik im Freien auch für geschäftliche Zwecke sehr nützlich. Kapellen wurden oft engagiert, um laut zu spielen, damit sie Menschenmengen zu Zirkussen, Theateraufführungen und Grundstücksversteigerungen locken konnten.[11] Beim Straßenmusizieren trugen die Bandmitglieder auffällige Uniformen und setzten ihre Lautstärke oft bewusst ein. Sie stellten sich vor Privathäusern oder Geschäften auf und spielten so laut, bis die Eigentümer sie dafür bezahlten, wieder zu verschwinden. Manchmal wurden sie von manchen Menschen als öffentliche Belästigung angesehen.[12] »Merchant« (Kaufmann), der einen Brief an die Zeitung The Argus schrieb, war jedenfalls dieser Meinung:
Die German Bands werden an ihrem richtigen Platz zweifellos geschätzt, aber wenn sie außerhalb der Büros spielen, lenken sie sehr ab und werden sogar zu einer regelrechten Belästigung für alle, die ernsthaft arbeiten müssen. (Hier in Übersetzung).[13]
"Merchant", in der Zeitung The Argus
Ein nicht identifiziertes Foto mit der Bildunterschrift »A Typical German Band from the 1880s« wurde in der australischen Publikation zum 200-jährigen Jubiläum, Two Hundred Dancing Years, abgedruckt und zeigt eine Blaskapelle, bestehend aus Klarinette, Kornett, Flügelhorn, Alt- und Tenorhorn, Es-Tuba und einem jungen Bass-Trommler (was in deutschen Blaskapellen nicht ungewöhnlich war).[14]
Ein nicht identifiziertes Foto mit der Bildunterschrift ›Eine typische deutsche Musikkapelle aus den 1880er Jahren‹
Abgedruckt in der Publikation zum 200-jährigen Jubiläum Australiens, Two Hundred Dancing Years.
Trotz ihres kommerziellen Erfolgs führten die Bandmitglieder ein schwieriges und gefährliches Leben. Sie arbeiteten im Freien bei jedem Wetter und stießen häufig auf Feindseligkeiten. Gerichtsakten aus jener Zeit belegen, dass Bandmitglieder manchmal von Straßengangstern und Betrunkenen beschimpft oder körperlich angegriffen wurden, zum Beispiel im Jahre 1909 bei Circular Quay am Hafen von Sydney.[15]
Letztendlich trugen die deutschen Blaskapellen wesentlich zur frühen Musiklandschaft und zur populären Unterhaltung Australiens bei. Diese lebendige Tradition fand jedoch ein plötzliches und tragisches Ende. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, breitete sich in Australien eine starke antideutsche Stimmung aus, wodurch diese legendären Straßenkapellen und ihr musikalischer Einfluss vollständig verschwanden. Der Forscher John Whiteoak schrieb (hier in Übersetzung): »Die Kriegserklärung Ende Juli 1914 löste heftige und bisweilen gewalttätige Feindseligkeiten gegenüber den Kapellen und ihrer nun verhassten deutschen Musik aus.«[16]
Im Laufe der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg gründeten jedoch einige Gemeinschaften deutscher Abstammung ihre Blaskapellen wieder, beispielsweise die Marananga Brass Band im Barossa Valley. Diese deutsche Kapelle wurde 1907 als Gnadenfrei Brass Band gegründet, stellte jedoch während des Ersten Weltkriegs ihren Betrieb ein. Das Dorf Gnadenfrei wurde 1918 von der südaustralischen Regierung in Marananga umbenannt. Die Blaskapelle wurde am 22. Oktober 1924 bei einer Versammlung unter dem Vorsitz von Herrn August Heinze im Gemeindesaal von Gnadenfrei als ›Marananga Brass Band‹ neu gegründet und besteht bis heute.
Mitglieder der Marananga Brass Band mit ihren Instrumenten im Jahr 1945. Bis auf einen haben alle Musiker einen deutschen Nachnamen (die Namen sind unter dem Foto aufgeführt).
Bildquelle: State Library of South Australia, Bild B72987.
♦ Einzelnachweise:
1. Whiteoak (2018), S.51
2. Whiteoak (2018), S.52
3. Voigt, Johannes H. (1987). Australia-Germany. Two Hundred Years of Contacts, Relations and Connections. Bonn (Germany): Inter Nationes. S.45-49
4. Whiteoak (2018), S.60
5. ‘Music in the Streets: Melbourne’s German Bands’. (1907, 3. Juli). The Argus (Melbourne, Vic. : 1848 - 1957), S. 8. Abgerufen am 2. Juli, 2026, von <http://nla.gov.au/nla.news-article10144080>
6. Blake, Gregory. (2009). To pierce the tyrant's heart : a military history of the battle for the Eureka Stockade : 3 December 1854. Loftus (N.S.W.): Australian Military History Publications [in association with the Australian Army History Unit] S.25
7. Whiteoak (2018), S.56
8. Tampke, Jürgen. (2006). The Germans in Australia. Port Melbourne (Victoria): Cambridge University Press. S.103
9. Whiteoak (2018), S.62
10. Boulton, Veronica. Zitiert in: Krasnostein, Sarah. (2025). The clarion call. Inside a community band’s benevolent quest for perfection. The Monthly. Juni 2025. S.31
11. Whiteoak (2018), S.63
12. Whiteoak (2018), S.58 / THE GERMAN BAND. (1905, 1. September). The Argus (Melbourne, Vic. : 1848 - 1957), S. 9. Abgerufen am 5. Juli, 2026, von <http://nla.gov.au/nla.news-article9901599>
13. THE GERMAN BAND. (1905, 1. September). The Argus (Melbourne, Vic. : 1848 - 1957), S.9.
14. Whiteoak (2018), S.59-60
15. POLICE COURTS. JOSTLING THE GERMAN BAND. (1909, 22. Mai). The Sydney Morning Herald (NSW : 1842 - 1954), S. 6. Abgerufen am 5. Juli, 2026, von <http://nla.gov.au/nla.news-article15060218> / Whiteoak (2018), S.59
16. Whiteoak (2018), S.64
♦ Literatur:
Andrews, S., Ellis, P., & Australian Bicentennial Authority. (1988). Two hundred dancing years and how to celebrate them with a colonial ball / Shirley Andrews and Peter Ellis. Australian Bicentennial Authority. S.11
Whiteoak, J. (2018). What Were the So-Called ‘German Bands’ of Pre-World War I Australian Street Life? Nineteenth-Century Music Review, 15(1), S.51–65.