Ortsnamen

Australische Ortsnamen deutscher Herkunft

Heidelberg, Victoria

(Foto © D. Nutting) Bahnhofsschild

Schild am Eingang zum Bahnhof Heidelberg, Victoria.

Es gibt keinen urkundlichen Beleg für die offizielle Benennung dieses Gebiets als Heidelberg. Es wird jedoch allgemein angenommen, dass der Name zum ersten Mal von dem extravaganten Grundstücksmakler Richard Henry Browne verwendet wurde, der für sich selbst und für den in Sydney ansässigen Immobilienmakler Thomas Walker handelte. R.H. Browne war als ›Continental‹ Browne bekannt, weil er oft enthusiastisch über seine Reisen in Europa sprach. Er unterhielt geschäftliche Beziehungen zu den wohlhabenden Siedlern in der Gegend des heutigen Heidelbergs - das waren wohlhabende und prominente Leute in der Frühzeit der Stadt Melbourne, die sich außerhalb der Stadt Anwesen schaffen wollten. R.H. Browne kaufte in der Gegend Land für sich selbst und lebte dort fast das ganze Jahr 1839. Im Juli 1839 benutzte er den Namen ›Heidelberg‹ als seine Adresse.

In seiner Rede über die »romantische« Schönheit der Landschaft hob Browne die Ähnlichkeit zwischen dem Yarra Valley und dem Neckartal in der berühmten deutschen Universitätsstadt Heidelberg hervor. Sicherlich liegen beide Orte ›an einem Fluss, der sich durch ein Tal schlängelt, mit Hügeln, die sich zu beiden Seiten erheben.‹[1]

In seinem 2014 veröffentlichten Buch über die Sehenswürdigkeiten in Deutschland beschreibt der Autor Bernd Imgrund das Heidelberger Schloss auf diese Weise: »Das Heidelberger Schloss ist eine der meistbesuchten deutschen Sehenswürdigkeiten und vor allem ein Synonym für deutsche Schlösserromantik.«[2] Im Melbourne der 1840er Jahre dachte ›Continental‹ Browne wahrscheinlich das Gleiche. Die deutsche Stadt Heidelberg war bereits in den 1800er Jahren ein Touristenmagnet. Auf der Website des Heidelberger Schlosses wird erklärt, wie die deutsche Stadt Heidelberg in den 1800er Jahren bei Besuchern so beliebt und romantisiert wurde:[3]

Das nahezu vergessene Schloss wurde um 1800 wiederentdeckt. Künstler der Romantik – auf der Suche nach echten Gefühlen – waren bezaubert von der malerisch gelegenen Ruine. Heidelberg wurde zum Inbegriff der romantischen Stimmung, verewigt in zahlreichen Gedichten und Gemälden.

Website des Schlosses Heidelberg

Lothar Becker, ein deutscher Naturforscher aus Schlesien, der von 1849-1852 und von 1855-1865 in Australien war, stimmte Brownes Vergleich zu. Becker schrieb Artikel für deutsche Zeitschriften und Magazine über Entdeckungen und Naturgeschichte, wie z. B. Die Gartenlaube, Das Ausland, Globus und Die Natur. Er besuchte Heidelberg bei Melbourne und schrieb:[4]

Unterhalb der Plenty-Mündung liegt der ansehnliche Flecken Heidelberg, am rechten Ufer des Jarra, von Britten bewohnt.
Der Gründer dieses Ortes gab ihm diesen Namen, da er hier eine gewisse Ähnlichkeit mit der Gegend von Heidelberg in Deutschland zu finden glaubte, und wie es scheint ist die Bezeichnung nicht unpassend, wenn man einen Blick auf die düstern Eukalyptenhügel einerseits, und andererseits auf die Nadelwaldungen des Schwarzwaldes (?) wirft.

Lothar Becker

Die Universität in Heidelberg, Deutschland, war in England recht gut bekannt. In den 1800er Jahren ging eine beträchtliche Anzahl ausländischer Studenten, darunter viele aus England, nach Heidelberg, um an der berühmten Universität zu studieren.[5]

(Foto © D. Nutting) Ausflugsschiff

Ausflugsschiff auf dem Neckar in Heidelberg, Deutschland.

(Foto © D. Nutting) Brücke

Die Alte Brücke über den Neckar in Heidelberg, Deutschland. Dies ist eine der Ansichten von Heidelberg, die den Grundstücksmakler ›Continental‹ Browne verzauberten.

Melbournes Heidelberg blieb ›Heidelberg‹

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs führten die damaligen antideutschen Gefühle in Heidelberg zu einer Debatte über den Namen des Stadtteils und über die deutschen bzw. germanischen Namen einiger Straßen, und während des gesamten Krieges schwankte die Haltung in diese oder jene Richtung. Einige Straßen in Heidelberg Heights und Eaglemont wurden umbenannt - die Bismarck Street in Heidelberg Heights wurde 1917 zur Thames Street, und die Helensburg Street und die Ehrenberg Street in Eaglemont wurden 1922 in Durham Street und Devon Street umbenannt.

Der Stadtrat von Heidelberg hielt am 12. September 1914 eine Sitzung ab, um über einen Vorschlag zu beraten, den Namen des Vororts in einen britischen Namen zu ändern. Einige Leute schrieben Briefe an die Heidelberg News, in denen sie forderten, dass der Name Heidelberg in einen britischen Namen geändert werden sollte. Vorschläge waren u. a. der Name Georgetown, nach dem König oder dem damaligen britischen Premierminister David Lloyd George, oder ein kommunaler Wettbewerb zur Wahl des Namens. Andere Briefschreiber waren jedoch der Meinung, dass Heidelberg ein schöner Name sei und zu dem attraktiven Vorort passe. Ein prominenter Rechtsanwalt, Herbert Darvell, schrieb, dass eine Namensänderung (hier in Übersetzung) »unnötig sei und der angenehme Klang [des Namens] Heidelberg durch den Ursprung des Wortes nicht verändert werde.«[6]

In der Zeitung Sunday Age vom 5. Juni 2016 untermauerte eine Karikatur einen Artikel über die Schwierigkeiten, mit denen Menschen bei der Wohnungssuche und -anmietung in Melbourne konfrontiert sind. In dem Artikel wurde erklärt, dass Mieter in Deutschland mehr Rechte haben als Mieter in Australien. Die Karikatur zeigte jemanden, der zunächst begeistert und erleichtert war, als er glaubte, ein Haus zur Miete in Heidelberg (Melbourne) gefunden zu haben, das sich dann aber als viel weiter entfernt herausstellte, nämlich in Heidelberg in Deutschland. (Karikatur: mit Genehmigung verwendet - Matt Golding / The Age)

Ortsnamen in Victoria...

♦ Einzelnachweise:

1. Garden (1972), S.19-20

2. Imgrund, Bernd. (2014). 101 deutsche Orte, die man gesehen haben muss. Darmstadt: Konrad Theiss Verlag. 4. Auflage. S.88

3. Die Sehnsucht führte nach Heidelberg - Die Romantik. Website des Schlosses Heidelberg. <www.schloss-heidelberg.de/en/interesting-amusing/collections/romanticism>

4. Becker, Lothar. (1855). Beschreibung eines Ausfluges in die blauen Berge Neu-Hollands. Zweiter Abschnitt. In: Das Ausland: Wochenschrift für Erd- und Völkerkunde. 28. 1855. Stuttgart, Augsburg : Cotta. In der Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek - digitalisiert unter <https://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10530695-8>.

5. Blackbourn, David. (2023). Germany in the World: A Global History, 1500-2000. New York: Liveright Publishing. S.186, 329

6. Armitage, Laura. (2015, 5. März). Heidelberg not immune to suburb and street name changes after start of World War I. Heidelberg Leader.

♦ Literatur:

Blake, Les. (1976). Place names of Victoria. Adelaide: Rigby. S.121

Cummins, Cyril R. & Heidelberg Historical Society (Vic.). (1982). Heidelberg since 1836 : a pictorial history. Heidelberg (Victoria) : Heidelberg Historical Society. S.7

Garden, Donald S. (1972). Heidelberg : the land and its people, 1838-1900. Carlton (Vic.): Melbourne University Press.