Zweiter Weltkrieg
Deutsche in Australien und Deutsch-Australier während des Zweiten Weltkriegs
Teil 1 - Nazipropagandisten in den 1930er Jahren; Internierung
Teil 2 - die frühen Jahre des Krieges; der Fokus auf Japan; Namensänderungen
Jeder und alles, was mit Deutschland zu tun hatte, ob Person, Ort oder Produkt, litt während des Ersten Weltkrieges in Australien unter Diskriminierung oder Internierung, Namensänderung oder Ablehnung. Inwieweit waren die Verhältnisse während des Zweiten Weltkriegs für Deutsche in Australien und für Australier deutscher Abstammung anders?...[1]
Nazipropagandisten in den 1930er Jahren
In den späten 1930er Jahren gab es in Australien zwar Nazi-Organisationen, diese hatten jedoch nicht mehr als etwa 180 Mitglieder. Dennoch waren sie sehr aktiv darin, die Menschen von den Errungenschaften des Nationalsozialismus zu überzeugen. Auf die Deutschen oder Deutsch-Australier in den ländlichen Gemeinden hatten sie jedoch nur sehr geringen Einfluss, und auch bei den deutschen Vereinen in den Städten konnten sie nicht viel bewirken.[2]
Die Nationalsozialistische Partei wurde in Australien von Johannes Heinrich Becker, einem deutschen Veteranen des Ersten Weltkriegs, gegründet. Er wurde in Schmalkalden in Thüringen geboren und studierte Medizin an der Universität Marburg. 1927 wanderte er mit dem Schiff Main nach Südaustralien aus und arbeitete als Arzt in Tanunda. In den 1930er Jahren kontaktierte die nationalsozialistische Regierung in Deutschland ausgewählte Deutsche in Übersee und bat sie, dort Zweigstellen der NSDAP zu gründen.
Johannes Becker übte großen Druck auf die Leitung des Adelaide German Club aus, damit diese seinen Forderungen nachgab, und sorgte außerdem dafür, dass die Rechte für den Import und Vertrieb deutscher Produkte in Südaustralien an Nazi-Sympathisanten in diesem Bundesstaat gingen.[3] Er führte Aufzeichnungen über die Äußerungen und das Verhalten von Deutschen in Australien, beispielsweise von Seeleuten auf Frachtschiffen. Becker konnte Deutschen, die Deutschland besuchten, das Leben schwer machen. So wurde beispielsweise ein Deutscher namens Mayr in Deutschland wegen einer negativen Bemerkung inhaftiert, die er in einem Hotel in Tanunda gemacht hatte.[4]
Becker und seine kleine Gruppe von Anhängern produzierten eine Menge Propaganda über die Nazi-Ideologie und die angeblichen Tugenden von Hitlers Deutschland und schickten diese Propaganda an Deutsche in Australien und an Australier deutscher Abstammung. Sie versuchten, die ländliche Bevölkerung Südaustraliens deutscher Abstammung zu erreichen, indem sie ihre Propaganda an die lutherischen Pastoren der regionalen Gemeinden schickten.[5]
Beckers Taktik und sein »Stil« verärgerten viele Menschen[6] und seine Kampagnen waren bei den meisten Deutschen in Südaustralien nicht beliebt. Schließlich kam es zu einem Konflikt zwischen dem deutschen Generalkonsul Dr. Rudolf Asmis und Becker – offenbar war Becker größenwahnsinnig geworden, und Asmis gelang es, die deutsche Regierung davon zu überzeugen, Beckers Parteizweigstellen aufzulösen. Asmis ersetzte Becker durch Walter Ladendorff – Asmis war der Meinung, dass dessen subtilere Herangehensweise an die Verbreitung der nationalsozialistischen Ideologie besser zu Australien passen würde als Beckers Stil.[7] Die führenden Nazis in Australien kamen ins Visier der australischen Sicherheitsbehörden und wurden zu Beginn des Zweiten Weltkriegs verhaftet.[8] Während des Krieges wurde Johannes Becker in Tatura in Victoria interniert und 1947 nach Deutschland deportiert.
'Becker, Stoffer Deported' (1947, 1. Dezember).
The Daily Telegraph (Sydney, NSW : 1931 - 1954), S. 9
Die Historikerin Barbara Poniewierski berichtet, dass es im Barossa Valley Gruppen von Anhängern Nazi-Deutschlands gab und dass zwei australische Familien deutscher Abstammung in der Region Riverland in Südaustralien sehr offen Fans von Hitlers Deutschland waren.[9] Sie fand auch heraus, dass es in Mount Torrens einen in Australien geborenen Farmer deutscher Abstammung gab, der vehement dagegen war, dass seine Söhne sich den australischen Streitkräften anschlossen, um gegen Deutschland zu kämpfen. Seine drei Söhne meldeten sich dennoch zum Dienst für Australien, und er nahm nicht an der Abschiedsfeier des Bezirks teil.[10]
Internierung
Internierungslager gab es in jedem Bundesstaat Australiens – die Hauptlager für Internierte befanden sich in Hay in New South Wales, Enoggera in Queensland, Tatura (Rushworth) in Victoria, Loveday in South Australia und Rottnest Island in Western Australia. In einigen Bundesstaaten gab es auch andere kleinere oder provisorische Lager, in denen Kriegsgefangene und Internierte untergebracht wurden, oft bevor sie in eines der größeren Lager verlegt wurden.[11] Obwohl eine große Anzahl von Australiern deutschen familiären Hintergrund hatte, wurden vergleichsweise wenige von ihnen interniert, zumindest im Vergleich zum Ersten Weltkrieg.[12] 7251 deutsche Staatsbürger wurden interniert[13], manchmal ohne Anklage. Einige Pastoren der lutherischen Kirche wurden zu Beginn des Krieges interniert, insbesondere wenn sie deutsche Staatsbürger waren. So wurde beispielsweise Pastor Ewald Steiniger von der deutschen lutherischen Holy Trinity Church in East Melbourne zwischen 1942 und 1944 ohne Anklage für 930 Tage im Camp Loveday im Riverland-Distrikt von Südaustralien und später in Tatura im ländlichen Victoria interniert.[14]
Tatura, Victoria. 1943-06-19. Innenraum einer der Wohnhütten im Lager Nr. 1, Internierungsanlage Tatura. Australian War Memorial, accession number 052585. Fotograf: James Tait. Gemeinfrei.
Die Internierung lutherischer Pastoren erfolgte nicht unbedingt, weil sie sich politisch pro-deutsch verhielten, sondern vielmehr, um Teile der australischen Bevölkerung zu beschwichtigen.[15] Dennoch hat die Historikerin Barbara Poniewierski gezeigt, dass es im Barossa Valley einige Pastoren gab, die Hitlers »neues« Deutschland offen lobten.[16]
♦ Between the lines – an Australian story, herausgegeben von dem Verband Association of German Teachers of Victoria, enthält Informationsmaterial für Schulen über eine Familie, die während des Zweiten Weltkriegs von der Internierung in Australien betroffen war. Es ist von der AGTV Website als PDF-Datei verfügbar.
♦ Einzelnachweise:
1. Molony, John N. (1987). The Penguin bicentennial history of Australia : the story of 200 years. Ringwood (Victoria) : Viking. S.221
2. Tampke (2006), S.132
3. Poniewierski (2011), S.273-274
4. Poniewierski (2011), S.273
5. Poniewierski (2011), S.277
6. Poniewierski (2011), S.274
7. Tampke (2006), S.130
8. Tampke (2006), S.130-133
9. Poniewierski (2011), S.284-285
10. Poniewierski (2011), S.287
11. Young & Chang (2014)
12. Duan (2021), S.10 & 27
13. Tampke (2006), S.133
14. Gosling, C. & Dr Brigitte Lambert (Herausgeberinnen). (2021). Between the lines – an Australian story. Melbourne: Association of German Teachers of Victoria. (Unterrichtsmaterialien für Schulen über eine Familie, die während des Zweiten Weltkriegs in Australien von Internierung betroffen war.) S.i
15. Young & Chang (2014)
16. Poniewierski (2011), S.283-284
♦ Literatur:
Duan, Trent. (2021). A Quarrel with the German People? The Totalising Logic of Enmity, Narratives of Enmity and the “German Question” on the Australian home front during the Second World War. (Doktorarbeit, University of Melbourne). Minerva Access, online unter <https://hdl.handle.net/11343/280313>.
Poniewierski, Barbara. (2011). National Socialism in South Australia. In: Monteath, Peter (Herausgeber). (2011). Germans: travellers, settlers and their descendants in South Australia. Kent Town (S.A.): Wakefield Press. S.269-303
Tampke, Jürgen. (2006). The Germans in Australia. Port Melbourne (Victoria): Cambridge University Press
Young, Matt & Chang, Charis. (2014, April 25). The forgotten history of Australia’s prisoner of war camps. Herald Sun (newspaper). Melbourne. Online verfügbar unter <https://www.heraldsun.com.au>.