Victoria

Tatura Internierungslager und Kriegsgefangenenlager

Teil 1 - warum Tatura?; die Struktur der Lager

Teil 2 - Tagesablauf, Unterhaltung und Freizeit für internierte Familien

Teil 3 - die deutsche Kriegsgräberstätte (Friedhof)


Während des Zweiten Weltkriegs wurden viele deutsche und österreichische Zivilisten und Soldaten in Internierungslager und Kriegsgefangenenlager (englisch: ›P.O.W. camps‹) in Australien gebracht. Diese Lager mussten weit entfernt von australischen Städten und der Küste liegen, und die Menschen in den Lagern durften keinen Kontakt zu Australiern haben. Während des Zweiten Weltkriegs wurden sieben Internierungs- und Kriegsgefangenenlager in der Region Tatura, etwa 180 km nördlich von Melbourne, eingerichtet. Vier der Lager waren für Zivilisten (Internierte) und drei für Kriegsgefangene bestimmt. Die Gegend um Tatura wurde ausgewählt, weil sie in der Nähe des Waranga-Beckens (einem großen, künstlich angelegten Bewässerungsreservoir) lag, an das Eisenbahnnetz und an bedeutende Nahrungsquellen angebunden war und mehr als 160 km vom Meer entfernt war (ein Sicherheitsfaktor).[1]

Die Lager waren in verschiedene Bereiche unterteilt, und die Behörden brachten verschiedene Nationalitäten so weit wie möglich in unterschiedlichen Bereichen unter.[2] Im Laufe der Zeit entwickelten sich die Lager von Tatura zu einem großen Lagerkomplex, in dem über 8.000 Zivilinternierte und Kriegsgefangene untergebracht waren. Mit den Wachmannschaften und dem Verwaltungspersonal hatte der gesamte Komplex eine Bevölkerung, die viel größer war als die von Tatura selbst oder anderen nahe gelegenen Städten.[3]

Die Unterkünfte bestanden aus Wellblech und waren kalt und unbequem, da sie nicht wetterfest waren. Die Hütten für internierte Familien waren in Abteile unterteilt, um den Familien etwas Privatsphäre zu bieten, und die Internierten versuchten, ihre Räume mit Einfallsreichtum und Kreativität komfortabler zu gestalten.[4]

Foto: Internierungslager

Tatura, Victoria. 10.06.1943. Tennisplätze auf dem Gelände mit Wohnhütten im Hintergrund, im Lager Nr. 1, Internierungsgruppe Tatura (Deutsche). Das kleine Gebäude auf der rechten Seite ist ein Kaffeestand, der an die Kegelbahn angeschlossen ist.

Fotoquelle: Australian War Memorial (gemeinfrei).

Im Lager gab es einen festen Tagesablauf, und die Internierten mussten Reinigungs- und Kocharbeiten verrichten. Ein großes Problem für die Internierten war psychologischer Natur – die Ungewissheit über die Dauer ihrer Internierung, da sie nicht wussten, wie lange der Krieg dauern würde und wann sie aus der Internierung entlassen würden. Auch Langeweile war ein Problem, sodass einige Internierte ihr Bestes taten, um in ihrer Freizeit aktiv zu sein, indem sie Dinge bastelten, malten, aus Abfallmaterialien Spielzeug für die Kinder im Lager bauten, Sport trieben und Musik- und Theateraufführungen planten und aufführten.[5] Die Lager wurden nach Kriegsende nicht geschlossen; das letzte Lager, das geschlossen wurde, war Lager Nr. 1 im Jahr 1947.

Lager Nr. 1 beherbergte 1.000 alleinstehende deutsche und italienische Männer in zwei Komplexen. Diese Männer wurden Anfang 1940 interniert und umfassten deutsche Wollkäufer, Lanz-Traktoreningenieure und Geschäftsleute (alle, die als Bedrohung für die Sicherheit Australiens angesehen wurden).
Lagerbereich (englisch: ›Compound‹) A umfasste Speisesäle, eine Küche, ein Dienstzimmer und ein Lagerbüro, Unterrichtsräume (Schule), Wohnräume, Werkstätten, Kaltwasserduschen, Toiletten, Waschhäuser, Warmwasserduschen und eine Wäscherei, einen Laden, einen Zahnarzt, ein Café, eine Kantine, ein Krankenhaus und eine Bibliothek.
Lagerbereich B umfasste ein Krankenhaus, Warmwasserduschen, Kaltwasserduschen, Waschhäuser, Toiletten, einen Laden und eine Werkstatt, Speisesäle, eine Küche und Wohnhäuser. Die Internierten legten Tennisplätze an, gaben eine Zeitung heraus und legten Blumen- und Gemüsegärten an.

Lager Nr. 2 beherbergte 1.000 alleinstehende deutsche und italienische Männer. Darunter befanden sich auch Männer, die in Großbritannien interniert worden waren und von der britischen Regierung zusammen mit jüdischen Flüchtlingsjungen und -männern auf dem berüchtigten Schiff HMT Dunera transportiert worden waren. Diese Internierten wurden zunächst in ein Internierungslager in Hay, NSW, und später in Lager Nr. 2 in Tatura gebracht, bevor sie schließlich der (unbewaffneten) 8. Employment Company der australischen Streitkräfte (AMF) beitreten durften. Im Lager Nr. 2 wurde eine spezielle Küche für die jüdischen Internierten eingerichtet und eine Hütte in eine jüdische Synagoge umgewandelt. Die britische Regierung unter Winston Churchill entschuldigte sich später für die entsetzliche Behandlung, die die Flüchtlinge auf der Dunera erfahren hatten. Du kannst mehr über die Passagiere der Dunera und ihre Reise und Internierung lesen.

Der Künstler und Lehrer Ludwig Hirschfeld-Mack war ein Flüchtling auf der Dunera, der in Tatura interniert war. Er schuf den unten abgebildeten Holzschnitt, der das Lager darstellt.

Bild: Holzschnitt

Ludwig Hirschfeld-Mack, 1893-1965, Deutsch-Australier.
Internment Camp, Tatura 1941, Holzschnitt, 15.0/24.1cm, Gabe von Mrs Franz Philipp 1971, National Gallery of Victoria, Melbourne

Lager Nr. 3 war ein Familienlager, in dem 1.000 Deutsche und Italiener in vier Komplexen untergebracht waren. Darunter befanden sich auch einige Einwohner Australiens, aber die größte Gruppe der Internierten im Familienlager Nr. 3 waren die Templer-Deutschen aus Palästina, die 1941 von den Briten aus ihren dort seit langem bestehenden Gemeinden deportiert und mit der Queen Elizabeth nach Australien transportiert worden waren. Lange Zeit während der Schiffsreise wussten sie nicht, wohin das Schiff fuhr. In einem Lagerbereich waren die deutschen lutherischen (Missionars-)Familien aus Neuguinea untergebracht, in einem anderen die österreichischen jüdischen Flüchtlinge, die 1938 nach der ›Kristallnacht‹ (einem vom Nazi-Regime koordinierten antisemitischen Aufstand) aus Wien geflohen waren. Lager Nr. 3 wurde im Februar 1946 geschlossen.

Im Familienlager Nr.3 etablierten sie eine Schule, in der die Kinder trotz der Schwierigkeiten einen sehr guten Unterricht bekamen - entsprechend qualifizierte deutsche Internierte unterrichteten sie.[6] Solche Schwierigkeiten waren zum Beispiel: wenige Schulbücher und Unterrichtsmaterialien, nicht genug Klassenzimmer und die Notwendigkeit, Schüler*innen unterschiedlichen Alters zusammen zu unterrichten. In der Schule konnten die älteren Schüler*innen sogar ihr Abitur (Schulabschlusszeugnis) machen. Folgende Fächer wurden unterrichtet: Deutsch, Englisch, Französisch, Latein, Erdkunde, Geschichte, Chemie, Physik, Biologie, Kunst und Sport. Später wurde dieses Abitur von deutschen Universitäten und von der Universität Melbourne anerkannt.
Du kannst Schulleiter Eppingers Bericht über die Schwierigkeiten der Lagerschule (1943) lesen.

Alle Fotos, die im Lager aufgenommen wurden, durften nur mit Genehmigung des australischen Lagerkommandanten gemacht werden. Deshalb das kleine Schild mit Katalognummer, das man auf diesen Fotos unten sehen kann. Die Fotos wurden von einem Militärfotografen geknipst.

Foto: Schülerinnen

Schülerinnen im Familienlager Nr.3

Fotoquelle: Albert Blaich Family Archive

Foto: Konfirmationsklasse

Templer - Konfirmationsklasse, 1946

Fotoquelle: Albert Blaich Family Archive

Das Herrenhaus Dhurringile unweit von Tatura wurde ebenfalls für Kriegsgefangene genutzt. Es ist ein großes zweistöckiges Herrenhaus, das im 19. Jahrhundert von einem wohlhabenden Schafzüchter erbaut wurde. Von August 1941 bis Juli 1945 diente es als Kriegsgefangenenlager für deutsche und italienische Offiziere. Die berühmtesten Gefangenen dort waren deutsche Offiziere und Besatzungsmitglieder des Schiffes HSK Kormoran, dem Raider, der 1941 das australische Kriegsschiff HMAS Sydney versenkte.

Lager 13: Eines der sieben Lager im Lagerkomplex von Tatura hieß Lager 13 und war für italienische und deutsche Kriegsgefangene bestimmt, die keine Offiziere waren.[7]

♦ Einzelnachweise:

1. Monteath (2018), S.141

2. Monteath (2018), S.141

3. Monteath (2018), S.143

4. Monteath (2018), S.157-159

5. Monteath (2018), S.161, 163

6. Monteath (2018), S.163

7. Monteath (2018), S.191

♦ Literatur:

Association of German Teachers of Victoria, Inc. (1999). Tatura Heritage Trail.

Bossence, William Henry. (1969). Tatura and the Shire of Rodney / by William Henry Bossence. Melbourne : Hawthorn Press. S.265-284

Ausstellungsplakate im Tatura Irrigation & Wartime Camps Museum.

Monteath, Peter. (2018). Captured lives : Australia's wartime internment camps / Peter Monteath. Canberra, ACT : NLA Publishing

»Werner Blaich's Story« (in englischer Sprache: Werner beschreibt seine Erfahrungen - er wurde in Palästina geboren und mit seiner Familie in Tatura, Victoria, interniert. Er blieb nach dem Krieg in Australien. Werner beschreibt unter anderem die Schiffsreise nach Australien und das Leben im Internierungslager. PDF-Datei, Größe 51Kb. PDF - Wie??)