Südaustralien

Die lutherische Kirche im Barossa-Tal

Teil 1 - Lutherische Kirchen als kulturelles und landschaftliches Phänomen im Tal

Teil 2 - Spaltungen in der Kirche :: Dörfer mit zwei (oder mehr) lutherischen Kirchen

Teil 3 - Sprache, die deutsche Sprache im Tal :: Sprache und Symbolik auf Friedhöfen - Zeichen der Geschichte


Sprache und die lutherische Kirche

Die ersten öffentlichen Gebäude, die lutherische deutsche Einwanderer errichteten, als sie sich als neue Gemeinschaft niederließen, waren die Kirche und die Schule. Oft war die Kirche das erste Gebäude und diente während der Woche gleichzeitig als erster Schulraum, bis ein eigenes Schulhaus gebaut wurde. Häufig war der Pfarrer auch der Schullehrer, und der Unterricht wurde in deutscher Sprache abgehalten, da es den Eltern wichtig war, dass ihre Kinder die Bibel in deutscher Sprache lesen konnten. Für die lutherischen Einwanderer war es wichtig, dass die Gottesdienste ihrer Gemeinde in deutscher Sprache abgehalten wurden, denn Deutsch war die Sprache, in die der Religionsreformator Martin Luther 1521-22 die Bibel (aus dem Lateinischen und Griechischen) übersetzt hatte. ›Luthers Sprache zierte das Innere der Kirchen‹ in den deutschen Gemeinden in S.A. und in anderen australischen Kolonien/Staaten, z.B. auf Altären oder auf Kanzeln.[1]

(Foto Wikimedia Commons) Kirchenorgel

Das Innere der lutherischen Kirche von Grünberg in Moculta. Biblische Zitate in deutscher Sprache vor der Kirchenorgel.

Fotoquelle: Fairv8, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Die ländliche Abgeschiedenheit vieler deutscher Gemeinden in Südaustralien und die Bedeutung der deutschen Sprache in der Kirche führten dazu, dass der alltägliche Gebrauch der deutschen Sprache im Barossa Valley und seiner Umgebung länger anhielt als bei den Deutschen in den Städten und Gemeinden. Das schrieb die Sprachforscherin Claudia Maria Riehl: »Der wichtigste Faktor für den Spracherhalt ist zweifelsohne die Zugehörigkeit zur lutherischen Gemeinde.« Die Liturgie in Gottesdiensten wurde bis 1940 auf Deutsch abgehalten, und die Pastoren besaßen eine sehr große Autorität im Dorf und traten sehr für den Erhalt deutscher Tugenden ein.[2]

Riehl befragte 2015-16 die letzten Sprecher des Barossa-Deutsch im Barossa Valley. Ihre Interviewdaten zeigten, dass die Sprecher des Barossadeutschen in vielen Fällen keine Dativ-Markierung oder eine unvollständige Dativ-Markierung einsetzen, wo im Standarddeutschen eine Dativ-Markierung vorkommt. Bei Verben, die im Standarddeutschen eine Dativ-Markierung zuweisen (zum Beispiel dem Verb ›folgen‹), war es besonders auffallend, dass die Sprecher des Barossadeutschen bis auf eine Ausnahme (›dem Weihnachtsmann‹) keine Dativ-Markierung verwendeten (in der Regel verwendeten sie stattdessen eine Akkusativ-Markierung). Dieses Phänomen war auch in anderen deutschen Siedlungsgebieten zu beobachten, z. B. im Lockyer Valley in Queensland.[3]

Professor Riehl hat auch Protokolle aus Kirchengemeinden im Barossa-Tal eingesehen, die in den Lutheran Archives in Adelaide untergebracht sind. Die Protokollen einer Kirche in Tanunda zwischen 1909 und 1912 wurden in einem sehr ausgefeilten Deutsch geschrieben, ohne englische Wörter und mit Gebrauch des Konjuntivs und des Passivs. In Protokollen ab den 1930er Jahren (zum Beispiel von einer Kirche in Nuriootpa) sind Einflüsse aus dem Englischen bemerkbar, zum Beispiel englische Begriffe und Wörter für Veranstaltungen wie Vice President, Afternoon Tea, Sale of Gifts, die oft durch Großschreibung (Afternoon Tea) in den deutschen Text integriert wurden.[4]

Die Kongregationsprotokollen der Gemeinde von St Kitts (in der nordöstlichen Ecke des Barossa-Tals) wurden bis 1954 noch auf Deutsch verfasst. Bis 1939 wurden die Protokollen dort in Kurrentschrift geschrieben, aber danach in der heutig üblichen lateinischen Schrift. Oft wurden Nomen klein geschrieben (zum Beispiel ›die gemeinde‹) statt in Großschreibung.[5] (Kurrent war eine deutsche Schreibschrift, die bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts die allgemeine Handschrift im gesamten deutschen Sprachraum war. Die meisten Buchstaben sahen ganz anders aus, als wie man sie heute schreibt.)

In den 1960er Jahren untersuchte der australische Linguist Michael Clyne den Gebrauch der deutschen Sprache im Barossa Valley und stellte fest, dass das Deutsch zahlreiche altmodische Wörter und Ausdrücke (Archaismen) enthielt. »Im Deutsch der meisten Siedler sind unzählige Archaismen zu finden, da deren letzte deutsche Lektüre aus der Luther-Bibel, dem Gesangbuch, alten Schulbüchern (…) bestand.« Beispiele für solche Archaismen waren: gewohnet, Sommerzeit, wahrlich.[6]

In seinem Artikel von 1968 bemerkte Michael Clyne einige ›Besonderheiten‹ im Englisch, das zweisprachige Deutsch/Englisch-Sprecher in alten deutschen Siedlungen im Süden Australiens und deren einsprachige englischsprachige Kinder sprachen. Eines seiner Beispiele war »to come with« (deutsch: mitkommen).[7] Im Jahr 2007 verwendete eine junge Verkäuferin in einem Weingut in der Nähe von Tanunda im Barossa Valley diese Satzstruktur, als sie mit dem Autor dieser Website sprach.

Im Jahr 2014 starteten Sprachwissenschaftler der Universität Adelaide unter der Leitung von Dr. Peter Mickan ein Projekt, um die fast vergessene deutsche Sprache im Barossa Valley wiederzubeleben. Ziel des Projekts war es, ›Deutschsprachige zusammenzubringen, um ihre Geschichten, Lieder und Erfahrungen auszutauschen und neue Generationen von Deutschsprechern und -lesern zu fördern, wo immer das Interesse daran groß ist‹.[8]

Sprache und Symbolik auf den Friedhöfen

Friedhöfe sind einer der am besten erhaltenen Teile des historischen Charakters der Barossa-Region.[9] Im Barossa Valley gibt es auch kleine private Friedhöfe, die von Familiengruppen angelegt wurden. Ein Beispiel ist der Friedhof der Familie Habermann und Mengler, ein ummauerter privater Friedhof am Fuße des Mengler Hill mit Blick auf das Tal. Ein importierter Engel ist abgebildet, der ständig Blumen streut. Der Friedhof umfasst etwa 30 Gräber.[10]

(Foto © D Nutting) Friedhof

Der Friedhof der Habermann und Mengler Familien

Auf Friedhöfen wie dem Bethany Pioneer Cemetery geben die Grabsteine eine faszinierende Fülle von Informationen über die Siedler: ihren Herkunftsort, ihren Wohnort im Tal, ihren Beruf und die Anzahl der Jahre, die sie dort gearbeitet haben, Familientragödien, ihren religiösen Glauben. Oft werden in den Grabinschriften Verse aus der Bibel zitiert. Wahrscheinlich gibt es in Südaustralien mehr Grabsteininschriften in deutscher Sprache als in jeder anderen Sprache außer Englisch.

(Foto © D Nutting) Grabstein

Teil der Inschriften auf einem Grab auf dem Bethany Pioneer Cemetery. Die Inschriften geben an, wo die Verstorbenen in den deutschsprachigen Ländern geboren wurden und wo sie in Südaustralien starben.

Auf den Grabsteinen im Barossa Valley sind viele Symbole zu sehen, und einige von ihnen haben mehr als eine Bedeutung.[11]

(Foto © D Nutting) Grabstein

Verwelkende Blumen symbolisieren den Tod

(Foto © D Nutting) Grabstein

Eine Krone symbolisiert Belohnung und Ruhm für die Verstorbenen

(Foto © D Nutting) Grabstein

Tauben symbolisieren: den Geist Gottes; Frieden, Sicherheit

(Foto © D Nutting) Grabstein

Die ineinander verschränkten Hände symbolisieren die Wiedervereinigung von Ehemann und Ehefrau im Himmel.

(Foto © D Nutting) Grabstein

Ein Anker symbolisiert Hoffnung, Sicherheit oder Geborgenheit

(Die Bedeutungen der Grabsteinsymbole wurden entnommen aus: Discover the Barossa von Brian Ward et al., S.71)

♦ Einzelnachweise:

1. Voigt, Johannes H. (1987). Australia-Germany. Two Hundred Years of Contacts, Relations and Connections. Bonn (Germany): Inter Nationes. S.38-39

2. Riehl (2018), S.27

3. Riehl (2018), S.23-24

4. Riehl (2018), S.18

5. Riehl (2018), S.19

6. Clyne, Michael (& Centre for Migrant Studies, Monash University). (1981). Deutsch als Muttersprache in Australien : zur Okologie einer Einwanderersprache. Wiesbaden: Franz Steiner Verlag. S.20

7. Clyne, M.C. (1968). "Decay, Preservation and Renewal: Notes on Some Southern Australian German Settlements." In: A.U.M.L.A. No. 29, May 1968, S.40

8. The University of Adelaide. (2014, 21 February). Reviving German language in the Barossa Valley. News. Online: <https://www.adelaide.edu.au/news/news68622.html>.

9. Ward et al (2003), S.68

10. Ward et al (2003), S.69

11. Ward et al (2003), S.71

♦ Literatur:

Riehl, Claudia Maria (2018): Deutsch in Australien. In: Handbuch der deutschen Sprachminderheiten in Übersee, hg. von Albrecht Plewnia und Claudia M. Riehl. Tübingen: Narr. S.9-32.

Ward, B. J. (Brian J.) & Heathcote, R. L. (Ronald Leslie) & Barker, Sue & Royal Geographical Society of South Australia. (2003). Discover the Barossa / Herausgeber*innen: Sue Barker, Les Heathcote, Brian Ward. Adelaide : Royal Geographical Society of South Australia.