Ortsnamen

Australische Ortsnamen deutscher Herkunft

Tarrington/Hochkirch, Victoria

Das Dorf Tarrington - etwa 9 km südöstlich von Hamilton im Western District von Victoria - hieß viele Jahre lang ›Hochkirch‹.

Im Jahr 1852 verließen neun Familien (die meisten von ihnen Sorben) Rosenthal und Hoffnungsthal im Barossa Valley in Südaustralien, um in den Südwesten Victorias zu ziehen, wo die Kolonialregierung neues Land zur Verfügung stellen wollte. Sie reisten mit dem Schiff von Südaustralien nach Portland in der südwestlichen Ecke von Victoria. Das Land, das sie nördlich von Portland kaufen wollten, stand nicht zur Verfügung, da es für die Ansiedlung von Heywood vorgesehen war. So zogen sie nach Nordosten, weiter ins Landesinnere, in ein Gebiet 9 km südöstlich von Hamilton, und ließen sich dort nieder.[1]

Im Jahr 1853 unterzeichneten die Gemeindemitglieder ein offizielles Dokument, in dem sie vermerkten, dass sie in ›Hochkirch‹ lebten, was das erste Mal war, dass der Name ihrer neuen Siedlung offiziell verwendet wurde. Da die meisten Siedler ursprünglich aus der Gemeinde Hochkirch in der Nähe der Stadt Bautzen in Sachsen stammten, wählten sie diesen Namen für ihre neue Heimat im Südwesten Victorias. Die meisten Siedler waren zweisprachig, sie sprachen Deutsch und Sorbisch, und einige Siedler benutzten gelegentlich den Namen ›Bukecy‹, die sorbische Form des Namens Hochkirch.[2]

(Foto © D. Nutting) Ortseingangsschild am Straßenrand

Schild am Ortseingang von Hochkirch in Ostdeutschland. Auf dem Schild steht auch der sorbische Name des Ortes.

Hochkirch in Sachsen ist auch als Schauplatz einer blutigen Schlacht während des Siebenjährigen Krieges bekannt (dieser Krieg war in den 1700er Jahren eine Art Weltkrieg). Am 14. Oktober 1758 griffen fünf österreichische Einheiten im Morgengrauen überraschend die preußischen Truppen Friedrichs des Großen an, die bei Hochkirch lagerten. Die Preußen verloren 9000 Mann, die Österreicher 7000 Soldaten. Auf dem Kirchhof kam es zu grausamen, heftigen Kämpfen, und die Außenmauern der Kirche von Hochkirch (ihr Turm ist auf dem Foto oben zu sehen) weisen noch immer Spuren von Musketenkugeln auf.[3]

Der Schriftsteller James Bonwick reiste 1857 durch das westliche Victoria und stellte fest, dass die Einwohner von South Hamilton die nahe gelegene Siedlung als ›Germantown‹ bezeichneten. Der Name Hochkirch war noch nicht allgemein bekannt geworden.[4]

(Foto © St Michael's Lutheran Archives, Tarrington) offizielles Foto von Schüler*innen

Die Lehrer und Schüler der evangelischen Schule Hochkirch (Victoria) auf einem Foto aus der Zeit um 1900.

Fotoquelle: St Michael's Lutheran Archives, Tarrington

Namensänderung

(Foto via Wikimedia Commons) Briefmarke

Der Poststempel von Hochkirch auf einer Briefmarke aus dem Jahr 1894.

Bildquelle: Epistemos, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Gegen Ende des Ersten Weltkriegs beschloss der Gemeinderat, Dundas Shire Council, den Namen des örtlichen Postamts (Hochkirch) zu ändern, vermutlich weil er deutsch war. Der Rat schrieb an die Einwohner von Hochkirch und gab ihnen die Möglichkeit, drei alternative Namen für das Postamt (und damit für ihr Dorf) vorzuschlagen. Die Einwohner von Hochkirch hielten eine öffentliche Versammlung ab und schlugen drei Namen in der Reihenfolge ihrer Priorität vor: Hochkirch, Churchville und Tarrington. J.A. Lehmann wandte sich im Namen der Einwohner schriftlich an den Stadtrat und begründete, warum sie die Beibehaltung des Namens Hochkirch bevorzugten: (hier in Übersetzung)

Die Stadträte von Dundas Shire waren von dieser Antwort überrascht und verärgert und einige von ihnen wünschten sich, dass sie den Einwohnern nicht die Möglichkeit gegeben hätten, bei der Auswahl des neuen Namens mitzuwirken.[5]

Ratsmitglied Learmonth erklärte, dass das Treffen in Hochkirch offenbar absolut feindselig gegenüber den Briten war.

Hamilton Spectator, 03.11.1917, S.3, hier in Übersetzung.
Stadtrat Learmonth war ein Mitglied des Stadtrats von Dundas Shire.

Der Name wurde in Tarrington geändert. Laut einer Studie über das kulturelle Erbe, die für die Region Southern Grampians erstellt wurde, war die Namensänderung (hier in Übersetzung) »ein äußerst sensibles und beleidigendes Thema für die Einwohner«.[6]

Obwohl der Name ihres Postamts in Tarrington geändert wurde, nannten sich die Mitglieder der lutherischen St. Michaels-Kirche in offiziellen kirchlichen Dokumenten, einschließlich Berichten für die Synode, bis 1957 weiterhin ›St. Michaels Hochkirch‹.[7]

Der historische Name von Hochkirch wird im Namen des Weinguts Hochkirch Wines gewürdigt, das 1990 in Tarrington gegründet wurde.

Den alten Namen wiederherstellen?

Im Januar 2001 starteten einige Einwohner von Tarrington eine Initiative, um das Interesse an einer Änderung des Ortsnamens von Tarrington in Hochkirch zu ermitteln. Laut ABC Local (hier in Übersetzung) »gab es einen Vorstoß, den Namen wieder in Hochkirch zu ändern, obwohl die älteren Einwohner überraschenderweise nicht dafür waren und die Bemühungen im Sande verliefen.«[8] Diese Initiative löste in der Gemeinde eine Kontroverse und Debatte aus, so dass die beiden großen Tageszeitungen von Melbourne darüber berichteten.

Denis Napthine, der örtliche Landtagsabgeordnete (und Ministerpräsident von Victoria 2013-2014), der 10 Jahre lang in Tarrington lebte, bevor er 1988 nach Portland zog, äußerte sich damals in der Sunday Herald Sun: eine Namensänderung zurück in Hochkirch (hier in Übersetzung) »spiegelt die Geschichte und Tradition dieser Gemeinde besser wider, aber es ist Sache der Gemeinde, darüber zu entscheiden.«[9]

Ein Protestbrief

Einige Gegner des Vorschlags hatten starke Meinungen zu einer Namensänderung. Einige von ihnen schrieben einen Brief an die Lokalzeitung Hamilton Spectator. Der Brief erschien am 16. Januar 2001 in dieser Zeitung und war anonym von »eight residents, Tarrington« (›acht Einwohnern, Tarrington‹) unterzeichnet. Der Verfasser des Briefes erwähnte den Namen Hochkirch nicht in dem Brief, der einen deutlich antideutschen Ton anschlug. Der Verfasser des Leserbriefes behauptete, dass diejenigen, die eine Rückkehr zum früheren Namen Hochkirch vorschlugen, (hier in Übersetzung) »Tarrington 100 Jahre in die dunklen Jahre der deutschen Kultur zurückversetzen« wollten[10]. (In dem Brief wurde nicht erklärt, was an der deutschen Kultur in Hochkirch, Victoria, im Jahr 1901 dunkel war). Der antideutsche Ton des Briefes stand im Gegensatz zu dem sehr positiven internationalen Ruf, den Deutschland zum Zeitpunkt der Abfassung des Briefes genoss. Einige Jahrzehnte zuvor, vier Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, wussten die Deutschen, dass ihre Nation immer noch geächtet und unbeliebt war.[11] Zu Beginn der 2000er Jahre wurde Deutschland jedoch in der internationalen Gemeinschaft bewundert. Der britische Historiker David Blackbourn schrieb eine Geschichte Deutschlands in der Welt im Jahr 2023 und stellte fest, dass das Ansehen der deutschen Kultur zu Beginn des 21. Jahrhunderts sehr hoch war und dass Deutschland (hier in Übersetzung) »in der Welt an Ansehen gewann, da es weiterhin ein fein geschliffenes Talent zur Verbreitung seiner Freundschaft zeigte«.[12]

Eine jährliche Umfrage des britischen Rundfunksenders BBC World Service im Jahr 2008 ergab, dass Deutschland auf Platz 1 der internationalen Beliebtheitsskala stand. In diesem Jahr wurde Deutschland zum ersten Mal in die Umfrage aufgenommen und belegte in den folgenden vier bis fünf Jahren oft den ersten Platz. Im Jahr 2013 berichtete die BBC (hier in Übersetzung): »Deutschland ist in der diesjährigen jährlichen Länderumfrage des BBC World Service die am positivsten betrachtete Nation der Welt. Für die Umfrage wurden international mehr als 26.000 Menschen befragt.«[11] Der Ton des Briefes im Hamilton Spectator spiegelte also nicht das positive internationale Ansehen Deutschlands im Jahr 2001 wider.

Die deutsche Kultur wird in Tarrington weiterhin zelebriert, vor allem auf dem jährlichen Laternenfest, einem Gemeindefest, das die guten Werke und die Freundlichkeit des Heiligen Martin feiert. In den deutschsprachigen Ländern nehmen Kinder am St. Martinstag (11. November) an Laternenumzügen teil. Die Regionalzeitung The Standard (mit Sitz in Warrnambool) berichtete im November 2014: (hier in Übersetzung) »Tarringtons historische Verbindung zu Deutschland wird am Freitagabend aufleuchten, wenn die Stadt ihr 20. jährliches Laternenfest feiert.«[12]

(Foto © D. Nutting) Ortseingangsschild am Straßenrand

Schild am Eingang zu Tarrington. Das Schild weist auf den früheren Namen des Ortes hin.

Ortsnamen in Victoria...

♦ Einzelnachweise:

1. Garden, Don. & Hamilton (Victoria) Council. (1984). Hamilton, a Western District history. North Melbourne : City of Hamilton in conjunction with Hargreen. S.46-47 / Lodewyckx, Prof. Dr. A. (1932). Die Deutschen in Australien. Stuttgart: Ausland und Heimat Verlagsaktiengesellschaft. S.55

2. Huf (2003), S.14, 23, 25

3. Füssel, Marian. (2010). Der Siebenjährige Krieg: Ein Weltkrieg im 18. Jahrhundert. München: C.H.Beck. S.47 / Clark, Christopher. (2007). Iron Kingdom: The Rise and Downfall of Prussia, 1600-1947. London: Penguin. S.204, 206-207

4. Bonwick, James. & Sayers, C. E. (1970). Western Victoria, its geography, geology, and social condition; the narrative of an educational tour in 1857. Melbourne : Heinemann [Mit einer Einführung und redaktionellen Kommentaren von C. E. Sayers / Erstveröffentlichung bei Thomas Brown, Geelong, 1858.]. S.166

5. Huf (2003), S.83 / GERMAN NOMENCLATURE. (1917, 3. November). Hamilton Spectator (Vic. : 1870 - 1918), S. 3. Abgerufen am 25. Januar, 2023, von <http://nla.gov.au/nla.news-article119859064>

6. 'Data Sheet 404 - Tarrington Heritage Precinct'. (2004). Southern Grampians Planning Scheme Background Documents (Study #404). Southern Grampians Shire Council.

7. Huf (2003), S.86

8. Lee, Jeremy. (2011, 4. Februar). A-Z of the South West Number 39 - Tarrington. ABC Local. Online-Artikel hier. Abgerufen am 04.07.2023.

9. Goddard, Geoffrey. (21.01.2001). Let’s rename our town. Sunday Herald Sun. S.12

10. 'No more dark years of German culture'. Eight (unnamed) residents of Tarrington. Letters to the Editor, 16. Januar 2001. Hamilton Spectator. S.4

11. Bommarius, Christian. (2018). 1949. Das lange deutsche Jahr. München: Droemer. (Taschenbuchausgabe 2023). S.95, 108

12. Blackbourn, David. (2023). Germany in the World: A Global History, 1500-2000. New York: Liveright Publishing. S.594, 644

13. 'BBC-Studie: Deutschland im vierten Jahr in Folge mit Bestnote in weltweiter Beliebtheit'. Pressemitteilung, 10.03.2011. Auswärtiges Amt. <www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/110310-bbc-country-rating-poll/242574> / 'BBC poll: Germany most popular country in the world'. (2013, 23. Mai). BBC News. <https://www.bbc.com/news/world-europe-22624104> / ‘Germany gets high marks for good works: POLL.’ (2013, 25. Mai). The Age (Zeitung). Verfügbar online hier.

14. Alexander, Mary. (2014, 26. November). Tarrington celebrates 20th festival of lanterns. The Standard (Warrnambool Zeitung) - online hier.

♦ Literatur:

Blake, Les. (1976). Place names of Victoria. Adelaide: Rigby. S.253

Huf, Betty. (2003). Courage, patience and persistence : 150 Years of German settlement in Western Victoria. Tarrington, Vic. : Sesquicentenary Committee, St Michael's Lutheran Church.

Murphy, Padraic. (21/01/2001). ‘Ich bin ein Tarringtoner … mate.’ The Sunday Age. S.3