Ortsnamen
Australische Ortsnamen deutscher Herkunft
Grovedale/Germantown, Victoria
Grovedale (ehemals Germantown) ist ein südlicher Vorort von Geelong, etwa sechs Kilometer vom Zentrum Geelongs entfernt.

Informationsschild am Eingang zum Germantown-Friedhof in Grovedale, Victoria.
Dr. Alexander Thomson brachte den Einwanderungsagenten Eduard Delius dazu, Deutsche anzuwerben, die nach Geelong kamen, um für ihn auf seinem Landgut ›Kardinia‹ zu arbeiten und dort einen Weinberg zu errichten. Sie waren Passagiere auf der Emmy. Am 31. Dezember 1849 berichtete die Melbourne Daily News (hier in Übersetzung), dass Dr. Thomson »beabsichtigt, einen Versuch zu unternehmen, ein deutsches Dorf in der Nähe der Stadt [Geelong] zu etablieren«.[1] Eine weitere wichtige Person, die viel für die deutschen Einwanderer tat, indem er ihnen Arbeit anbot und ihnen schließlich Land verkaufte, war Charles John Dennys (1817-98). Dennys war in Deutschland ausgebildet worden und 1842 in der Gegend von Geelong angekommen. Dennys hatte 1849 von der britischen Krone (bzw von der lokalen Behörde der Krone) Land in der Gemeinde Duneed gekauft. Einige der deutschen Neuankömmlinge konnten Land erwerben, indem sie für Dennys arbeiteten.[2]
Das Land, das einige Deutsche von Dennys erworben hatten, wurde als Germantown bekannt. Die Historiker Tom Darragh und Robert Wuchatsch konnten die erste Verwendung des Namens bis zum März 1852 zurückverfolgen - in der Schreibweise ›Germans Town‹.[3]
Viele der ersten Familien in Germantown stammten aus Dörfern auf beiden Seiten der Oder in Ostdeutschland. Ihnen folgte bald ein stetiger Strom anderer Deutscher, darunter auch einige Sorben. Im Gegensatz zu den deutschen Gemeinden in Südaustralien ist dies eines der wenigen Beispiele für eine deutsche Kettenmigration in Victoria (Kettenmigration bedeutet, dass Einwanderer aus einem bestimmten Gebiet anderen aus diesem Gebiet folgen, die bereits in das neue Zielgebiet gezogen sind).[4] Die Bauern und Gemüsegärtner in Germantown versorgten die Goldfelder von Ballarat und die Geschäfte von Geelong mit Lebensmitteln (Geelong war nicht weit entfernt und bereits eine größere Stadt). Germantown wurde wirtschaftlich erfolgreich, und im Laufe der Jahre siedelten sich Menschen aus anderen Gegenden Deutschlands sowie einige Nicht-Deutsche, meist Engländer, an. Trotz der stärkeren Durchmischung von Menschen in Germantown »blieb es ein Magnet für Deutsche«.[5] Der Geelong Advertiser berichtete 1868, dass (hier in Übersetzung) »Germantown (...) ein Bild des Wohlstandes bietet«.[6]

Gedenktafel zu Ehren der frühen deutschen Einwohner von Germantown (Grovedale) auf dem Friedhof von Germantown.

Gedenktafel auf dem Friedhof von Germantown (Grovedale), Nahaufnahme.
Die antideutsche Stimmung des Ersten Weltkriegs führte 1915 zu einer Namensänderung. Der South Barwon Shire Council wollte zusammen mit einigen Einheimischen den Namen Germantown ändern. Auf seiner Sitzung am 2. Juli 1915 diskutierte der South Barwon Shire Council alternative Namen für das Gebiet Germantown, darunter ›Cornwall‹, ›Marlborough‹, ›Grovedale‹ und ›Dennys‹. Cr Winter legte eine Petition vor, die von 52 Steuerzahlern unterzeichnet worden war, die den neuen Namen Dennys zu Ehren eines der ersten europäischen Siedler in Germantown wünschten (es war Charles Dennys, der deutsche Einwanderer ermutigt hatte, sich im Raum Geelong niederzulassen, und der einen Teil seines Landes an frühe deutsche Siedler verkauft hatte). Rund 90 Prozent der Anwohner nahmen an der Ratssitzung teil, auf der ›praktisch einstimmig der Wunsch geäußert wurde, dass entweder Cornwall oder Marlborough ausgewählt werden sollte, und zwar bevorzugt das erstgenannte.‹ Ratspräsident Blyth bevorzugte den Namen Grovedale, den Namen des Anwesens ›Grovedale‹ des ehemaligen Ratsmitglieds J.E. Matthews. Bei der abschließenden Abstimmung in der Ratssitzung wurde einstimmig der Name Cornwall (der Name der am weitesten südwestlich gelegenen Grafschaft Englands) gewählt, aber die Behörden erklärten, dass es bereits einen Ort mit dem Namen Cornwall in einem anderen Bundesstaat (Tasmanien) gebe, und so wurde das Gebiet von Germantown schließlich in Grovedale umbenannt.[7]
Die heutige State School Nr. 283 Grovedale Primary School war ursprünglich als Germantown bekannt. Sie ist eine der ältesten öffentlichen Schulen Victorias. Sie wurde 1854 in einer lutherischen Kirche mit Lehmwänden und Grasdach errichtet, die von der Gemeinde gebaut wurde. Diese Kirche wurde von der lutherischen Gemeinde auch als Schule genutzt. Irgendwann zwischen 1873 und 1878 wurde die Schule zu einer staatlichen Schule.[8]
Ein kleines Haus in Grovedale ist eines der wenigen intakten Überbleibsel der frühesten deutschen Siedlung in Victoria. Es befindet sich in der Torquay Road 222-224 in Grovedale und ist als ›German Cottage‹ bekannt. Im Victorian Heritage Register heißt es, dass das Cottage (hier in Übersetzung) »ein seltenes und schönes Beispiel für die Bautechniken darstellt, die von deutschen Siedlern im 19. Jahrhundert in der Gegend eingeführt wurden« und »ein interessantes Beispiel für eine anpassungsfähige Bauweise ist, die eine Verschmelzung zweier Bautraditionen, der norddeutschen und der britischen Kolonialzeit, darstellt«. Das Haus wurde um 1857 für Johann Sohr gebaut. Das Haus und das Grundstück wurden 1881/2 von einem dänischen Lutheraner, Johann Andressen, der mit einer Deutschen verheiratet war, erworben. Die Familie Andressen lebte dort bis in die 1940er Jahre.[9]

Das German Cottage in Germantown (Grovedale).

Gedenktafel an der Wand des German Cottage, Germantown (Grovedale).
Foto mit freundlicher Genehmigung von Liz Ray
Mehrere Straßen in Grovedale und in nahegelegenen Vororten oder Ortschaften sind nach den frühen deutschen Siedlern von Germantown benannt: Bieske Road, Heyers Road, Winter Street, Kerger Court, Klemke Court, Hartwick Court, Baum Park (Waurn Ponds), Kossecks Place (Belmont) und Baenschs Lane im nahen Connewarre.
♦ Einzelnachweise:
1. Rowe (2021), S.777 / Melbourne Daily News, 31. Dezember 1849, S.2
2. Darragh & Wuchatsch (1999), S.120
3. Darragh & Wuchatsch (1999), S.122
4. Wehner (2018), S.73
5. Wehner (2018), S.75
6. Wehner (2018), S.75
7. Rowe (2021), S.778
8. Blake, L. J & Blake, L. J. (Leslie James), 1913-1987, (Herausgeber) & Victoria. Education Department (1973). Vision and realisation : a centenary history of state education in Victoria. Melbourne: Education Department of Victoria. Volume 2, S.1009
9. 'German Cottage' (222-224 Torquay Road Grovedale, Greater Geelong City). Victorian Heritage Register (VHR) Number: H0714. Der Victorian Heritage Database Eintrag für dieses Haus ist unter <https://vhd.heritagecouncil.vic.gov.au/places/561>. Abgerufen am 03.07.2023.
♦ Literatur:
Darragh, Thomas & Robert Wuchatsch. (1999). From Hamburg to Hobson's Bay: German emigration to Port Phillip (Australia Felix) 1848-51. Heidelberg (Victoria): Wendish Heritage Society.
Rowe, David & Greater Geelong (Vic.). Council, issuing body. (2021). About Corayo : A Thematic History of Greater Geelong. Abgerufen am 19. Februar, 2023, von <http://nla.gov.au/nla.obj-3043741189>. Theme Six - Building the city, suburbs & outlying towns.
Wehner, Volkhard. (2018). The German-speaking community of Victoria between 1850 and 1930 : origins, progress and decline. Münster : LIT Verlag