Architekten

Harry Seidler

Teil 1 – Kindheit in Wien :: Flucht nach England :: Internierung :: Studium in Nordamerika :: das Rose-Seidler-Haus in Sydney

Teil 2 – Wolkenkratzer :: Rückkehr nach Wien :: seine öffentliche Persönlichkeit

Harry Seidler (1923–2006) wurde in einem Krankenhaus im 9. Wiener Bezirk geboren. Seine Großeltern gehörten zu den vielen jüdischen Familien, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus den östlichen Teilen des Österreichisch-Ungarischen Reiches nach Wien zogen. Seine früheste Faszination für Design entstand, als er die Arbeit des Architekten und der Designer beobachtete, die seine Eltern mit der Renovierung ihrer Wohnung beauftragt hatten.[1]

Im März 1938 fuhr Seidler mit seinen Klassenkameraden auf eine einwöchige Skireise nach Saalbach im österreichischen Bundesland Salzburg. Während dieser Skireise marschierten Hitlers Soldaten in Österreich ein, besetzten das Land und gliederten es Nazi-Deutschland ein (diese Übernahme Österreichs ist als ›der Anschluss‹ bekannt). Genau an dem Morgen, als Hitlers Streitkräfte in Österreich einmarschierten, trennte der Lehrer, der für Seidlers Skilager zuständig war, die jüdischen Schüler von den nichtjüdischen Schülern und führte letztere nach draußen, um vor der Flagge Nazi-Deutschlands zu salutieren – Seidler fragte sich, wie diese Flagge in einem kleinen Bergdorf bereits verfügbar sein konnte.[2]

Skipiste mit Bergdorf im Hintergrund

Die ehemalige Seilbahn ›Kohlmaisbahn‹ über den Skipisten des Dorfes Saalbach in Saalbach-Hinterglemm (Österreich), aufgenommen im Jahr 2007.

Fotoquelle: User:F30, CC BY-SA 2.5, via Wikimedia Commons

Als Seidler und seine Klassenkameraden vorzeitig nach Wien zurückkehrten, waren die folgenden Wochen angespannte Zeiten für Seidler und seine Eltern. Er machte eine unangenehme Erfahrung, als er eines Tages auf dem Heimweg von der Schule auf der Straße einigen SS-Offizieren begegnete.[3] Sein älterer Bruder Marcell war bereits als Student in Cambridge in Großbritannien und bemühte sich intensiv darum, einen Paten zu finden, der Harry dort aufnehmen würde. Schließlich erhielt Harry einen neuen deutschen Pass (mit einem »J« auf dem Einband – kurz für Jude), da der österreichische Staat nicht mehr existierte. Harry reiste mit Zug und Schiff nach England – als der Zug kurz vor der belgischen Grenze anhielt, wurden er und andere jüdische Reisende von deutschen Grenzbeamten misshandelt.[4] Seidlers Eltern Rose und Max gelang es, Österreich zu verlassen, bevor es zu spät war, und sie ließen sich in London nieder, wo Max Arbeit fand.

Als Seidler in Cambridge ankam, sprach er kaum Englisch, doch er lernte schnell und übernahm bald Aspekte des englischen Lebensstils und der englischen Ausdrucksweise. Er besuchte die Cambridgeshire Technical School, und dort entwickelte er erstmals ein Interesse an Architektur und Design.[5]

Als die britische Regierung befürchtete, dass eine deutsche Invasion Großbritanniens unmittelbar bevorstand, kam sie zu dem Schluss, dass die Gefahr durch deutsche Spione zu groß sei, und ließ alle Deutschen internieren, einschließlich der Flüchtlinge, die aus Sicherheitsgründen aus Deutschland geflohen waren. Seidlers Eltern wurden nicht interniert, doch ihre Hoffnung war es, nach Australien auswandern zu dürfen, wo sie das Textilunternehmen der Familie wieder aufbauen wollten.

Seidler und sein Bruder Marcell wurden bald darauf in das Internierungslager auf der Isle of Man (in der Irischen See zwischen England und Irland) gebracht; später wurden sie und viele andere Internierte per Schiff in ein Internierungslager in Kanada gebracht. Seidler nahm seine Erfahrungen in den Internierungslagern sehr übel und empfand sie als äußerst ungerecht – dies beeinträchtigte seine Einstellung gegenüber Großbritannien für lange Zeit.[6] Harry Seidler bewarb sich um einen Studienplatz im Fach Architektur an der University of Manitoba in Winnipeg und wurde angenommen. Er wurde 1941 aus der Internierung entlassen. Zunächst war er sich nicht sicher, wie er sich dieses Studium leisten könnte, doch er gewann ein Stipendium, wodurch er sein Studium fortsetzen konnte, das er 1944 mit großem Erfolg abschloss. Dieser Abschluss ermöglichte es ihm, in jedem Land des Britischen Empire zu arbeiten, doch sein Hauptziel war es, in die USA zu gehen und dort ein Aufbaustudium zu absolvieren.

Seidler schloss sein Masterstudium an der Graduate School of Design der Harvard University ab, die von Walter Gropius geleitet wurde, einem berühmten deutschen Architekten, der Deutschland nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlassen hatte. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg hatte Walter Gropius in Weimar das Bauhaus gegründet, eine radikale Kunst- und Handwerksschule, deren Schwerpunkt auf modernem Design und modernen Ideen lag. Laut Neil MacGregor, dem ehemaligen Direktor des British Museum, hat das Bauhaus ›die Welt neu gestaltet. Unsere heutigen Städte und Häuser, unsere Möbel und unsere Typografie wären ohne die von Gropius und dem Bauhaus begründete funktionale Eleganz undenkbar‹.[7] Walter Gropius hatte einen bedeutenden Einfluss auf Seidlers Vorstellungen von Architektur und Design.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen Seidlers Eltern und sein Bruder Marcell nach Sydney und bauten dort das familieneigene Textilunternehmen wieder auf. Obwohl seine Eltern hofften, dass auch er nach Sydney ziehen würde, hatte Harry Seidler kein Interesse daran, nach Australien zu gehen – er glaubte, seine berufliche Zukunft liege in den USA.[8] Seine Mutter gelang es jedoch, ihn nach Australien zu locken, indem sie ihn bat, ein Haus für seine Eltern zu entwerfen – eine Bitte, der er nicht widerstehen konnte. Das Klima in Sydney und die Aussicht sowie die Landschaft rund um den Hafen gefielen ihm so gut, dass er sich schließlich in Sydney niederließ.

Das Haus, das er in Wahroonga für seine Eltern entwarf, wurde unter dem Namen ›Rose Seidler House‹ bekannt, und während der Planungsphase hatte Harry mit dem örtlichen Gemeinderat, dem Ku-ring-gai Council, zu kämpfen, der seiner Meinung nach überhaupt nichts von modernem Design verstand. Als das Haus 1950 fertiggestellt wurde, sorgte es für Aufsehen und fand in den Medien große Beachtung. Seidler brachte den Modernismus nach Australien – nichts Vergleichbares zum Rose Seidler House hatte man zuvor im australischen Hausbau gesehen. Es war ›das meistdiskutierte Haus in Sydney‹ und führte zu vielen weiteren Designaufträgen für Seidler, aber auch zu mehr Frustrationen mit den Gemeinderäten, die an konventionellere, unscheinbare Hausentwürfe gewöhnt waren. Das Rose Seidler House ist heute ein denkmalgeschütztes Hausmuseum und für die Öffentlichkeit zugänglich. Als Seidler das Haus dem Bundesstaat New South Wales schenkte, sagte der stellvertretende Regierungsarchitekt Andrew Andersons über das Haus (hier in Übersetzung): ›Es gehört zu den besten, die die Welt zu bieten hat; direkt vom Bauhaus über Amerika nach Australien.‹[9]

ein Haus

Das Rose Seidler House in Wahroonga NSW, von Harry Seidler entworfen, 1950 fertiggestellt

Fotoquelle: Rory Hyde, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

1954 gelang es Seidler, seinen Harvard-Mentor Walter Gropius davon zu überzeugen, nach Sydney zu kommen, um auf einer Architektenkonferenz eine Rede zu halten. Sein Erfolg bei der Organisation von Gropius’ Teilnahme an der Konferenz stärkte Seidlers Ansehen in der australischen Architekten- und Designergemeinschaft. Während Gropius und seine Frau Ise in Sydney waren, lud Seidler sie nach Wahroonga zu einer Dinnerparty im Haus seiner Eltern, dem Rose Seidler House, ein, wo sie sich alle auf Deutsch unterhielten.[10]

♦ Einzelnachweise:

1. O'Neill (2016), S.20

2. O'Neill (2016), S.32

3. O'Neill (2016), S.39-40

4. O'Neill (2016), S.43

5. O'Neill (2016), S.52

6. O'Neill (2016), S.292

7. MacGregor, Neil. (2017). Germany. Memories of a Nation. New York: Vintage Books. S.356. (Hier in Übersetzung)

8. O'Neill (2016), S.111, 117

9. O'Neill (2016), S.291

10. O'Neill (2016), S.140, 142

♦ Literatur:

O'Neill, Helen. (2016). A Singular Vision: Harry Seidler / Helen O'Neill. Sydney : HarperCollins

Tampke, Jürgen and Colin Doxford. (1990). Australia, Willkommen. Kensington (NSW): New South Wales University Press. S.258-259