Eugen von Guérard
Landschaftsmaler
Teil 1 - sein frühes Leben und seine Ausbildung :: die Goldfelder von Ballarat :: sein künstlerischer Stil :: die Häuser und Anwesen der Schaffarmen :: Ausstellungen :: Tower Hill, 1855
Teil 2 - sein Haus in der Gipps Street :: Einfluss der deutschen Romantik :: Georg von Neumayer & Mount Kosciuszko :: spätere Jahre, Rückkehr nach Europa :: nach ihm benannt
Im Jahr 1862 waren von Guérards Finanzen so gesund, dass er in das Dorf East Melbourne umzog (heute ist es nur einen kurzen Spaziergang von Melbournes Stadtmitte entfernt) und für sich und seine Familie ein Haus in der Gipps Street bauen ließ. Dieses denkmalgeschützte Haus im georgianischen Stil wurde mit handgefertigten Ziegeln gebaut. Von Guérard fügte dem Haus 1866 ein Dachatelier hinzu, das auf diesem Foto als einzelner weißer Raum mit einem Fenster auf jeder Seite oben auf dem hinteren Teil des Hauses zu sehen ist. Von Guérard nannte diesen Raum liebevoll »unser Thürmchen«, und 1871 malte er im Laufe von drei Abenden ein Gemälde mit dem Titel Fernsicht nach Yarra Bend / von unserem Thürmchen. Ab 1939 wohnten in diesem Haus der 16. Generalgouverneur Australiens, Lord Casey und Lady Casey. In späteren Jahren erhielt das Haus den Namen ›Little Parndon‹.[1] Die Gasse, die an dem Haus entlangführt, heißt ›Von Guerard Place‹.

Das Haus von Louise und Eugene von Guérard in der Gipps Street, East Melbourne.
Das Atelier-Zimmer (‘unser Thürmchen’) über von Guérards Haus in der Gipps Street, East Melbourne.
Das Straßenschild der Gasse ›Von Guerard Place‹, East Melbourne.
Der Kunsthistoriker John McDonald sieht in von Guérards Landschaften Ähnlichkeiten mit dem Symbolismus in den Landschaften des größten deutschen Landschaftsmalers der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Caspar David Friedrich.[2] Die Gemälde beider Künstler enthalten auch ein hohes Maß an Präzision in den Details der Szenen.[3]
Die Art Gallery of New South Wales beschreibt von Guérards Stil wie folgt (hier in Übersetzung):
Er arbeitete in der deutschen Landschaftstradition, die die Anwesenheit göttlicher Kräfte in der Natur suggerierte, und seine Gemälde wurden von der Kritik für ihre Technik und Erhabenheit gefeiert. (...) Von Guérards Landschaften drücken seine persönlichen religiösen Gefühle aus und spielen auf die göttlichen Kräfte in der Natur an.
Art Gallery of New South Wales[4]
Das Mount Kosciuszko Gemälde
Als der deutsche Wissenschaftler Georg von Neumayer 1862 im Rahmen einer internationalen Untersuchung des Erdmagnetfeldes eine magnetische Untersuchung Victorias durchführte, reiste von Guérard mit ihm. Im November erreichte diese Expedition die australischen Alpen und bestieg den Gipfel des höchsten Berges Australiens, Mount Kosciuszko. Von Neumayer berichtete, dass von Guérard viele Skizzen der Berglandschaft anfertigte, während der Rest der Expeditionsgruppe wissenschaftliche Messungen durchführte. Später, in seinem Atelier in Melbourne, setzte von Guérard diese Skizzen in das Gemälde North-east view from the northern top of Mount Kosciusko um. Der Kunsthistoriker Sasha Grishin beschrieb das Gemälde als (hier in Übersetzung): »eines der romantischsten Gemälde von Guérard, das das Erhabene in der Natur in der besten Tradition Friedrichs feiert [Caspar David Friedrich, der Landschaftsmaler der deutschen Romantik / Herausgeber dieser Website]. Wir sehen eine gewaltige, inspirierende, aber auch melancholische Aussicht, die Gefühle des Schreckens und der Ehrfurcht hervorruft.«[5] Die Figuren im Vordergrund des Gemäldes waren wahrscheinlich von Guérard selbst, zusammen mit von Neumayer und seinen wissenschaftlichen Assistenten.[6] Wie in diesem Gemälde vom Mount Kosciuszko sind in Friedrichs Gemälden die menschlichen Figuren in der Regel in die Szene hineingewandt (so genannte ›Rückenfiguren‹) und oft klein, was die Größe und Macht der Landschaft betont, die sie sie umgibt. Der Journalist Jamie Durrant beschrieb von Guérards Gemälde wie folgt (hier in Übersetzung): »In North-east view from the northern top of Mount Kosciusko gibt es absolut keinen Zweifel an der tiefen Wertschätzung des Künstlers für die australische Landschaft, die für ihn sicherlich das Werk Gottes war. (...) Von den Bergen überragt, (...) erinnern uns winzige Figuren an die flüchtige und prekäre Natur der menschlichen Existenz im Vergleich zur dauerhaften Präsenz der Natur.«[7]
Von Guérards North-east view from the northern top of Mount Kosciusko, 1863. National Gallery of Australia (Canberra).
Bildquelle: Eugene von Guérard, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Caspar David Friedrich malte Der Watzmann (eine Ansicht des Berges Watzmann in der Nähe von Berchtesgaden in Südostdeutschland) in den Jahren 1824-25. Laut dem Kunsthistoriker Boris von Brauchtitsch hat Friedrich in Der Watzmann gezeigt, wie man einen großen Berg malen sollte, wenn man ihn ernst nimmt: unnahbar, monumental, respekteinflößend.[8] Von Guérards Gemälde des Mount Kosciuszko hat ähnliche Qualitäten.
Caspar David Friedrichs Der Watzmann, 1824-25. Alte Nationalgalerie, Berlin.
Bildquelle: Caspar David Friedrich, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Die späteren Jahre
1870 wurde von Guérard zum ersten Dozenten für Malerei und Leiter der Kunstschule der neuen National Gallery of Victoria ernannt. Er arbeitete lange an der Kunstschule, aber seine Lehrmethoden und seine Malerei wurden allmählich mehr und mehr kritisiert, da sich der öffentliche Geschmack änderte. Von Guérard trat 1881 von der Kunstschule zurück und zog mit seiner Familie nach Düsseldorf in Deutschland.[9]
Mitte der 1880er Jahre beauftragte James Oddie, ein führender Vertreter der Gemeinde Ballarat und Gründer der Ballarat Fine Art Gallery (der ältesten regionalen Galerie Australiens), von Guérard, eine Ansicht der Goldfelder von Ballarat zu malen, wie sie zu Beginn des Goldrausches ausgesehen hatte. Dieses große Gemälde ist unter dem Titel Old Ballarat as it was in the summer of 1853-54 bekannt. Von Guérard stützte den Inhalt des Gemäldes auf eine Skizze, die er im Februar 1854 angefertigt hatte, nicht lange bevor er die Goldfelder verließ. Dieses Gemälde wurde im Rahmen einer australischen Landschaftsausstellung im Rahmen des ersten Kulturaustauschs zwischen Australien und China in den frühen 1970er Jahren nach China gebracht.[10] TDas Gemälde ist für die Stadt Ballarat von großer Bedeutung. Gordon Morrison, der Direktor der Art Gallery of Ballarat im Jahr 2009, sagte, dass es nicht oft vorkommt, dass ein talentierter Künstler eine Stadt in den Anfängen der Stadt abbildet: »Nur sehr wenige Städte auf der Welt hatten einen Künstler, der auch nur annähernd das Format von Eugene von Guerard hatte, der bei der Geburt einer Gemeinde dabei war.«[11]
Von Guérards Old Ballarat as it was in the summer of 1853-54. Art Gallery of Ballarat.
Von Guérards Kunst war in Europa nicht sehr erfolgreich und er und seine Frau zogen nach London, um bei ihrer Tochter zu sein, die einen Engländer heiratete. Von Guérards Frau Louise starb vor ihm, und er starb 1901 in London, während er bei seiner Tochter und ihrer Familie lebte.
Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Eugene von Guérard und Caspar David Friedrich ist die Tatsache, dass der Stil ihrer Kunst bei ihrem Tod nicht mehr gefragt war und ihre Gemälde in der Regel für die nächsten 50-70 Jahre aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwanden, bevor es zu einem starken Wiederaufleben des Interesses an ihren Werken kam.[12]
Obwohl er in Australien unter dem Namen Eugene bekannt ist, unterschrieb von Guérard mit der deutschen Form seines Namens, Eugen, und er sprach fließend Englisch, Französisch, Italienisch und Deutsch.[13]
Nach ihm benannt
Die folgenden Orte in Australien sind nach Eugene von Guérard benannt:
- die Straße Von Guerard Crescent, in Lyneham, Australian Capital Territory;
- die Straße Von Geurard Parade, Doreen, Victoria (26 km nordöstlich von Melbournes Stadtmitte) – ein weiterer Fall, in dem sein Name falsch geschrieben wurde. Alle Straßen in Doreens ›Promenade Estate‹ wurden nach Künstlern benannt.
- Von Guerard Park, Lake Heights, New South Wales (in der Nähe von Port Kembla);
- Mount Von Guerard, in Victoria - 1220,94 m Höhe[14], benannt von Alfred William Howitt (1830-1908) in der Region Dargo High Plains, im Jahr 1860.[15]
Eine kleine Insel im Botanischen Garten von Melbourne ist nach Eugene von Guérard benannt, wie auf dieser Karte im Botanischen Garten zu sehen ist.
›Guerard Island‹ im Botanischen Garten von Melbourne.
♦ Einzelnachweise:
1. East Melbourne Historical Society. East Melbourne, Gipps Street 159, Little Parndon. Online hier. Abgerufen am 10.04.2014. / Thomas, David. Artikel auf der Website von <www.deutscherandhackett.com/>. Abgerufen am 10.04.2014. Seite nicht mehr online. / Chancellor, Jonathan. (2013, June 17). Little Parndon, the East Melbourne gem sells as Eugene von Guerard painting set for auction from Reg and Joy Grundy collection. Artikel auf der Website von <www.propertyobserver.com.au>. Abgerufen am 10.04.2014. Seite nicht mehr online.
2. McDonald (2008), S.184
3. Von Brauchitsch (2023), S.265-266
4. Art Gallery of New South Wales. Featured artists. Eugene von Guérard. <www.artgallery.nsw.gov.au/collection/artists/von-guerard-eugene/> Abgerufen am 27.02.2025.
5. Grishin (2013), S.101
6. Grishin (2013), S.101
7. Durrant, Jamie. (2019, 16. November). Australian Story: Eugene Von Guérard’s Kosciusko. Essentials Magazine. <essentialsmagazine.com.au/art/australian-story-eugene-von-guerards-kosciusko/>
8. Von Brauchitsch (2023), S.219
9. McDonald (2008), S.202
10. Morrison, Gordon. (2009, March 15). Jewel: Eugene von Guerard. Interview im ABC Radio National. Online hier. Abgerufen am 04.03.2025.
11. Morrison, Gordon. (2009, March 15). Jewel: Eugene von Guerard. Interview im ABC Radio National.
12. Von Brauchitsch (2023), p.269 & 272 / Grishin (2013), S.102
13. Mackenzie, Andrew. (2000). "Eugene von Guerard, Biography". 'In the Artist's Footsteps'. <www.artistsfootsteps.com/html/vonGuerard_biography.htm>. Abgerufen am 10.04.2014.
14. Mackenzie, Andrew. (2000). "Eugene von Guerard, Biography". 'In the Artist's Footsteps'.
15. Day, Alan. (2009). The A to Z of the Discovery and Exploration of Australia. Edition 27, annotated. Lanham (Maryland, USA): Scarecrow Press. S.108
♦ Literatur:
Von Brauchitsch, Boris. (2023). Caspar David Friedrich. Biografie. Berlin: Insel Verlag.
Eureka Centre Ballarat. (2020, 30. November). Ballarat Goldrush (1854): Through the eyes of Eugene Von Guerard. [Video]. <www.youtube.com/watch?v=M8RKuryASLA> Die Präsentation in diesem Video zeigt, wie viele Details von Guérard in sein Gemälde der frühen Goldfelder von Ballarat aufgenommen hat.
Grishin, Sasha. (2013). Australian art : a history. Carlton (Victoria) : The Miegunyah Press.
McDonald, John. (2008). Art of Australia. Vol. 1, Exploration to Federation. Sydney: Pan Macmillan Australia.
Macdonald, John Boyd. (2014, 2. Februar). Re-Viewing Von Guérard ‘s ‘Snowy Peak’, 150 years on. Jokar Photography. [Blog]. <www.jokar.com.au/blog/tag/north-east-view-from-the-top-of-mount-kosciusko/>. Dieser Blogartikel eines erfahrenen Fotografen berichtet über eine Wanderreise in den australischen Alpen, die ihn auf den Spuren von Neumayer und von Guérard zu der Stelle führte, an der von Guérard den North-east view from the northern top of Mount Kosciusko malte. Der Fotograf erklärt, wie er dort viele Fotos machte und durch sorgfältige und kreative Arbeit mit einem digitalen Bearbeitungsprogramm eine fotografische Interpretation von von Guérards berühmtem Ölgemälde erstellte.
Pullin, Ruth & Varcoe-Cocks, Michael & Clegg, Humphrey & National Gallery of Victoria. Council of Trustees. (2011). Eugene von Guérard : nature revealed / Ruth Pullin. Melbourne : Council of Trustees of the National Gallery of Victoria.
Tampke, Jürgen and Colin Doxford. (1990). Australia, Willkommen. Kensington (NSW): New South Wales University Press. S.52
Tipping, Marjorie J. (1972). 'Guerard, Johann Joseph Eugen von (1812–1901)', Australian Dictionary of Biography, National Centre of Biography, Australian National University, erstmals 1972 in gedruckter Form erschienen, abgerufen online am 07. Februar 2023.