Eugen von Guérard
Landschaftsmaler
Teil 1 - sein frühes Leben und seine Ausbildung :: die Goldfelder von Ballarat :: sein künstlerischer Stil :: die Häuser und Anwesen der Schaffarmen :: Ausstellungen :: Tower Hill, 1855
Teil 2 - sein Haus in der Gipps Street :: Einfluss der deutschen Romantik :: Georg von Neumayer & Mount Kosciuszko :: spätere Jahre, Rückkehr nach Europa :: nach ihm benannt

Das Schild vor dem Eingang zur Kunstakademie in Düsseldorf, wo von Guérard Malerei studierte.

Werbebanner vor der National Gallery of Victoria im Jahre 2011.
Johann Joseph Eugen von Guérard (1812-1901), in Australien als Eugène bekannt, war mit Sicherheit der beste romantische Landschaftsmaler, der jemals in Australien gearbeitet hat.[1] »Eugene von Guérard: Nature Revealed« war eine Wanderausstellung, die von April 2011 bis Juli 2012 in mehreren großen australischen Galerien gezeigt wurde und mehr als 150 Werke von Guérard aus Galerien in mehreren australischen Bundesstaaten und Europa umfasste.
Er wurde in Wien geboren; sein Vater, Bernhard, war Hofmaler von Kaiser Franz I. von Österreich und seine Mutter war die Tochter eines Feldmarschalls in Wien.[2] 1826 nahm ihn sein Vater mit nach Italien, wo Eugène in Rom Landschaftsmalerei studierte. Er beschloss, sich zum Künstler ausbilden zu lassen, und malte einige Jahre lang Landschaften in Süditalien und Sizilien.[3]
Nach dem Tod seines Vaters ging er nach Düsseldorf, wo er etwa von 1838-45 an der Kunstakademie studierte. Von Guérard blieb bis 1852 in Düsseldorf und arbeitete dann für kurze Zeit in England als Zeichenlehrer für den Sohn von Augustus Tulk, der später der erste Bibliothekar der Melbourne Public Library wurde.
Angelockt von den Nachrichten über den Goldrausch, segelte von Guérard nach Victoria - er kam Ende Dezember 1852 mit dem Schiff Windermere in Geelong an. Er verbrachte zunächst 13 Monate auf den Goldfeldern in der Nähe von Ballarat (und fertigte viele Skizzen vom Leben in den Goldgräbern an), wurde aber nicht reich. Er machte sich auf den Weg nach Melbourne, um sein Glück als professioneller Künstler zu versuchen.[4] Etwa drei Monate später, am 15. Juli 1854, heiratete er Louise Arnz, die Tochter eines Düsseldorfer Verlegers, die er bereits in Deutschland kennengelernt hatte. Als verheirateter professioneller Künstler mit einer Tochter war das Geld für von Guérard oft knapp, und um Geld zu verdienen, unternahm er ausgedehnte Reisen in den Südosten Australiens, manchmal als Künstler im Rahmen wissenschaftlicher Expeditionen.[5] Er unternahm auch Reisen in andere Kolonien: Tasmania in den Jahren 1856 und 1875, South Australia 1855, New South Wales 1859. Er besuchte 1876 auch Neuseeland.[6]
Am bekanntesten ist er für seine grandiosen, romantischen Gemälde der australischen Alpen, von Szenen mit Gewässern und von Goldgräbergebieten. Er wurde für die feine Präzision und Detailgenauigkeit seiner Darstellungen von Pflanzen und Vegetation sowie von anderen Objekten in der Landschaft bewundert. Einige britische Künstler und Schriftsteller, die den australischen Ureinwohnern begegneten, schrieben abfällig über sie und betrachteten die Ureinwohner Australiens unbewusst als Hindernis für das Wachstum einer englischen Kolonie. Der englische Bildhauer Thomas Woolner, der sich zur gleichen Zeit wie von Guérard in Australien aufhielt, ist ein Beispiel für eine solche Haltung.[7] Von Guérard und deutschstämmige Künstler in Australien wie Ludwig Becker und Alexander Schramm verbanden in ihren Bildern eine wissenschaftliche Exaktheit mit einer allgemeinen Empathie für die Aborigines.[8]
Anwesen von wohlhabenden Schafzüchter
Eine der lukrativsten Beschäftigungen für ihn als Künstler war das Malen von Ansichten von Anwesen wohlhabender Landbesetzer (d. h. Schafsfarmer), vor allem im Western District von Victoria.[9] In den Tagen vor der Fotografie (und weit vor den Möglichkeiten der Selbstdarstellung mit Smartphones und sozialen Medien) war ein hochwertig gerahmtes Gemälde des Hauses des wohlhabenden Landbesitzers in der Landschaft eine der Möglichkeiten, mit seinem Erfolg und seinen Errungenschaften anzugeben. Ein solches Gemälde war auch eine Art Erklärung, dass der Landbesitzer das Land (das früher von den australischen Ureinwohnern bewohnt wurde) in Besitz genommen hatte.
Die Stationsporträts [= Gemälde von Anwesen auf Weidestationen, d. h. bei großen Schafzuchtbetrieben als Beispiel / Herausgeber dieser Website], insbesondere die von Eugène von Guérard aus den 1850er und frühen 1860er Jahren, zeigen in bemerkenswert detaillierter (und genauer) Darstellung das Wohnhaus, die Nebengebäude, den Garten und die Anpflanzungen, die einheimische Vegetation und die Topographie sowie die Art der menschlichen Aktivitäten, die auf Weidestationen stattfanden. (...) Schon die Tatsache, dass diese Gemälde in Auftrag gegeben wurden, zeugt von der Verbundenheit der Landbesetzer mit dem von ihnen besetzten Land und von der Bedeutung, die sie dieser Tätigkeit beimaßen.
Heritage Study, Corangamite Shire Council[10]
Ausstellungen
Von Guérard nahm 1854 an den ersten Kunstausstellungen in Melbourne teil, veranstaltete 1855 eine Verlosung seiner Bilder im Mechanics Institute in Melbourne und stellte 1856 auf der Victorian exhibition of art und 1857 auf der Eröffnungsausstellung der Victorian Society of Fine Arts in Melbourne aus.[11] Der Rezensent einer Kunstausstellung in Melbourne im Jahr 1862 schrieb, dass europäische Künstler, die nach Australien reisen, die australische Landschaft und ihr Licht ungewollt europäisch interpretieren, dass aber von Guérard sich an die australischen Verhältnisse angepasst hatte und die australische Landschaft (hier in Übersetzung) »mit unfehlbarer Treue« zu interpretieren wusste.[12]
Tower Hill
Tower Hill, zwischen Warrnambool und Port Fairy an der Südwestküste Victorias gelegen, ist ein riesiges Maar (ein vulkanischer Explosionskrater). Der Vulkan brach vor etwa 30.000 Jahren aus und ist inaktiv. Innerhalb des äußeren Kraterrands befinden sich kegelförmige Hügel (von späteren kleineren Eruptionen) und ein Kratersee. Im Jahr 1855 beauftragte James Dawson, Besitzer von ›Kangatong‹, einer Farm in der Nähe von Mount Eccles westlich des Tower Hill, von Guérard, die schöne Aussicht zu malen, die der Tower Hill zu dieser Zeit bot. Dies war von Guérards erster großer Ölgemäldeauftrag in Australien.[13] OIm Laufe der Jahre wurde Tower Hill von Landwirten als Viehweide und von anderen zum Steinabbau genutzt. Ein Foto aus dem Jahr 1907 zeigt das Gebiet in einem sehr kargen Zustand. In den 1920er Jahren war das Gebiet vollständig entwässert und die gesamte Vegetation gerodet worden. James Dawson besuchte Tower Hill im Jahr 1891 und war schockiert über den Zustand des Ortes und erleichtert, dass er die Weitsicht gehabt hatte, das Gemälde in Auftrag zu geben: (hier in Übersetzung) »...zum Glück für künftige Generationen beauftragte ich einen berühmten Künstler, die Szene in großem Maßstab in Öl zu malen, und er setzte meine Wünsche getreu und schön um. Als ich die Szene später besuchte, war ich erstaunt und angewidert, alles verändert vorzufinden, die schönen Bäume auf den Kegeln und in den Kratern der Insel waren bis auf ein halbes Dutzend oder so verschwunden.«[14]

Tower Hill, 1855. Warrnambool Art Gallery.
James Dawson stammte, wie viele Einwanderer im Western District von Victoria, aus Schottland. Er war gut mit Eugene von Guérard befreundet[15] und setzte sich stark für die Interessen der Gunditjmara und anderer australischer Ureinwohner des Western District ein. Er schrieb ein Buch über ihre Sprachen und Kulturen, das 1881 in Melbourne veröffentlicht wurde.[16] Im Vordergrund von von Guérards Gemälde von Tower Hill kann man sehen, dass die australischen Ureinwohner dort lebten, bevor Viehweiden und Steinbrüche die Landschaft verdarben.
Als man 1961 begann, den Tower Hill zu begrünen und in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen, war das Gemälde von Guérards aus dem Jahr 1855 eine wichtige botanische Vorlage für diese Arbeit. Die akribische Detailgenauigkeit seines Panoramagemäldes ermöglichte es Pflanzenexperten, Gräser und Farne auf der Insel, Rohrkolben, Sheoaks, Banksias auf den Kegelhügeln und Schilf und Grasbüschel in den Sümpfen zu identifizieren.[17] Dies hat zum Ruhm dieses Gemäldes beigetragen. Die Stelle auf dem Kraterrand, von der aus von Guérard die Szene betrachtete, ist heute als ›Von Guérard's Lookout‹ bekannt (obwohl Parks Victoria seinen Namen auf dem Schild dort falsch geschrieben hat).

›Von Guérard’s Lookout‹, ein Aussichtsplatz über dem Tower Hill.

Ersttagsbrief der Australia Post (Ausschnitt) für die Serie ›The Gallery Series (National Gallery of Australia) - Landscapes (2013)‹.
♦ Einzelnachweise:
1. McDonald (2008), S.202
2. Tipping (1972)
3. Tipping (1972)
4. McDonald (2008), S.184 & 186
5. Grishin (2013), S.99
6. Art Gallery of New South Wales. Featured artists. Eugene von Guérard. <www.artgallery.nsw.gov.au/collection/artists/von-guerard-eugene/> Abgerufen am 27.02.2025.
7. Grishin (2013), S.97
8. Grishin (2013), S.99
9. Grishin (2013), S.99
10. Corangamite Shire Council. (2013). Volume 3 of the Corangamite Heritage Study (Stage 2). Thematic Environmental History. (Reviewed and revised version by Samantha Westbrooke & Ray Tonkin, in cooperation with Helen Doyle. S.32
11. Grishin (2013), S.99
12. THE EXHIBITION OF FINE ARTS. (1862, December 29). The Argus (Melbourne, Vic. : 1848 - 1957), p. 5. Abgerufen am 11. März, 2025, von <http://nla.gov.au/nla.news-article6482142>
13. Informationen, die in der Warrnambool Art Gallery ausgestellt sind, 2017.
14. Clark, Mary Ryllis. (1996). Discover historic Victoria / Mary Ryllis Clark ; foreword by Geoffrey Blainey. Ringwood (Vic.) : Viking. S.29
15. Camperdown & District Historical Society. (2018). Scotland to Australia felix : founding Scots of Victoria's Camperdown district / Camperdown & District Historical Society Scots Book Committee. Camperdown, Victoria : Camperdown & District Historical Society Inc. (In der Einführung)
16. Corris, Peter. (1972). 'Dawson, James (Jimmy) (1806–1900)', Australian Dictionary of Biography, National Centre of Biography, Australian National University, <https://adb.anu.edu.au/biography/dawson-james-jimmy-3381/text5117>, 1972 erstmals in gedruckter Form veröffentlicht, online abgerufen am 15. März 2025. / ABC TV (Australia). Back Roads, Series 11, Episode 2. Camperdown, VIC. Am 16.01.2025 ausgestrahlt.
17. Informationen, die in der Warrnambool Art Gallery ausgestellt sind, 2017.
18. Stamp Bulletin Australia, No.321, 2013. Ferntree Gully (Victoria): Australia Post. S.12
19. Stamp Bulletin Australia, No.321, 2013. Ferntree Gully (Victoria): Australia Post. S.12
♦ Literatur:
Eureka Centre Ballarat. (2020, 30. November). Ballarat Goldrush (1854): Through the eyes of Eugene Von Guerard. [Video]. <www.youtube.com/watch?v=M8RKuryASLA> Die Präsentation in diesem Video zeigt, wie detailreich von Guérard sein Gemälde der frühen Goldfelder von Ballarat gestaltet hat.
Grishin, Sasha. (2013). Australian art : a history. Carlton (Victoria) : The Miegunyah Press.
McDonald, John. (2008). Art of Australia. Vol. 1, Exploration to Federation. Sydney: Pan Macmillan Australia.
Pullin, Ruth & Varcoe-Cocks, Michael & Clegg, Humphrey & National Gallery of Victoria. Council of Trustees. (2011). Eugene von Guérard : nature revealed / Ruth Pullin. Melbourne : Council of Trustees of the National Gallery of Victoria.
Tampke, Jürgen and Colin Doxford. (1990). Australia, Willkommen. Kensington (NSW): New South Wales University Press. S.52
Tipping, Marjorie J. (1972). 'Guerard, Johann Joseph Eugen von (1812–1901)', Australian Dictionary of Biography, National Centre of Biography, Australian National University, erstmals 1972 in gedruckter Form erschienen, abgerufen online am 07. Februar 2023.