Ortsnamen
Australische Ortsnamen deutscher Herkunft
Witta/Teutoburg, Queensland
Das ländliche Städtchen Witta, sieben Kilometer nordwestlich von Maleny in der Region Sunshine Coast, hieß früher Teutoburg. Am 17. Oktober 1887 erwarben vierzehn Deutsche Land in Teutoburg.[1]

Die lutherische Kirche in Witta. Dies war die zweite lutherische Kirche in Teutoburg, die 1911 fertiggestellt wurde.
Ein bedeutender früher deutscher Siedler
Stadtrat Carl Martin Nöthling wurde 1863 in Berlin geboren und wanderte im Alter von zehn Jahren mit seinen Eltern Julius und Emilie nach Australien aus. Sie kamen mit dem Schiff Runnymede an und waren die einzigen Passagiere an Bord.
Auf seiner Farm in der Nähe von Maleny züchtete er Milchkühe und Pferde und baute auch Wein an. Herr Nöthling baute das Haus selbst aus Holz von seiner eigenen Farm und fertigte alle »geschmackvollen« Möbel und sogar die Bilderrahmen selbst an. Er hatte viele Funktionen und Ämter in der Gemeinde inne: Friedensrichter, Gemeinderat, Direktor der Butterfabrik Maleny, Gemeindevorsteher der örtlichen lutherischen Kirche usw. Er (hier in Übersetzung) »gilt allgemein als Gründer und Vater von Teutoburg, er richtete das erste Postamt ein und gab der Siedlung ihren Namen.«[2]
Der Straßenname ›Nothling‹ ehrt die Familie, die zu den ersten Bewohnern dieser deutschen Siedlung gehörte.
Schreibweise des Namens
Für den deutschen Namen der Siedlung gibt es zwei Schreibweisen. Queensland’s Post Office Directory vor dem Ersten Weltkrieg schreibt den Namen Teutoburg (wie der Wald in Deutschland). Auch auf einer Karte, die 1913 vom Brisbane Survey Office of the Department of Public Lands veröffentlicht wurde, und in einem 1919 erschienenen Buch über die Geschichte von Queensland wurde der Ortsname so geschrieben. Gelegentlich wurde der Name jedoch auch so geschrieben: ›Teutoberg‹.[3]
Der Straßenname "Teutoberg" erinnert an den früheren Namen der deutschen Siedlung.
Aufgrund der antideutschen Stimmung während des Ersten Weltkriegs wurde der Name Teutoburg geändert. Auf einer öffentlichen Versammlung, die Anfang 1916 in Teutoburg stattfand, um eine Namensänderung zu diskutieren, wurde die Diskussion sehr emotional. Im Mai 1916 verkündete die Queensland Government Gazette die Umbenennung in Witta, ohne einen Grund für die Änderung zu nennen.[4] Die deutschen Straßennamen in Teutoburg blieben unverändert.[5]
Der Straßenname ›Wittaberg‹ scheint eine Mischung aus Witta und Teutoburg zu sein.
Warum der Name Teutoburg?
Carl Nöthling und die anderen deutschen Siedler nannten ihr Dorf vermutlich Teutoburg nach dem Teutoburger Wald, einem Höhenzug in den heutigen Bundesländern Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Vielleicht empfanden sie einen gewissen patriotischen Stolz auf den Namen dieses Waldes, der durch die Schlacht im Teutoburger Wald im Jahr 9 n. Chr. berühmt geworden ist. Zu dieser Zeit versuchte das Römische Reich, seine Herrschaft weiter in das Gebiet auszudehnen, das heute als Norddeutschland bekannt ist, doch die römische Armee erlitt im Teutoburger Wald eine schockierende Niederlage. ›Die Vernichtung von drei altgedienten Legionen durch die Germanen erschütterte das Römische Reich bis ins Mark.‹[6] Laut einer Fernsehdokumentation aus dem Jahr 2001 hat die Schlacht im Teutoburger Wald den Kontinent geprägt, das moderne Deutschland mitbestimmt und den Vormarsch des Römischen Reiches gestoppt und dessen größten Kaiser, Augustus, in die Knie gezwungen. (…) ›Ein Zehntel der gesamten militärischen Stärke Roms ging in diesem dunklen Wald zugrunde. Rom, die Supermacht der Welt, lag auf den Knien.‹[7] Die römische Niederlage markierte »die Geburt eines ersten deutschen ›Nationalhelden‹, den der [römische] Geschichtsschreiber Tacitus bald darauf als ›Befreier Germaniens‹ titulieren sollte«.[8]
Die germanischen Stämme wurden von dem Häuptling Hermann (bei den Römern als Arminius der Cherusker bekannt) angeführt. Eine gigantische Statue, das Hermannsdenkmal, steht auf einem hohen Felsvorsprung im Wald und zeigt Hermann in zehnfacher Größe. Dieses Denkmal wurde 1875, nach der deutschen Einigung, fertiggestellt, zu einer Zeit, als der Nationalismus in Deutschland zunahm. Der Nationalismus nahm zu dieser Zeit in vielen europäischen Ländern zu, und mehrere Länder errichteten ein großes Denkmal zum Gedenken an eine legendäre historische Figur.[9]
Beispiele für solche Denkmäler sind: die Statue der Jeanne d'Arc auf dem Pariser Place des Pyramides, die Statue von Richard I. (Spitzname: Löwenherz) vor dem Londoner Palace of Westminster,[10] das National Wallace Monument in Stirling, Schottland (zum Gedenken an William Wallace, einen schottischen Helden aus dem 13. und 14. Jahrhundert) und die Statue von Wilhelm Tell in Altdorf am Urnersee in der Zentralschweiz.
Das Hermannsdenkmal im Winter, im südlichen Teil des Teutoburger Waldes, Deutschland
Fotoquelle: Falko Sieker, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
»In seinen ersten Jahren und Jahrzehnten [d.h. ab 1871] beschäftigte sich das Deutsche Reich damit, Denkmäler für alte Legenden zu errichten, die dem neu gegründeten Deutschland Bedeutung und kollektives Gedächtnis verleihen sollten.«[11] Das Hermannsdenkmal ist sicher ein Beispiel dafür. Es wurde in Deutschland zu einem ›starken Fokus für das nationale Volksgefühl‹.[12]
Die ersten Siedler von Teutoburg in Queensland kamen nach der Fertigstellung des Hermannsdenkmals an, und sie kannten das berühmte große Denkmal und haben vielleicht Bilder davon gesehen.
♦ Einzelnachweise:
1. Maleny and District Centenary Committee. (1978). By Obi Obi Waters : stories and photographs of early settlement in the Maleny district, Blackall Range, south eastern Queensland. Maleny (QLD) : Maleny and District Centenary Committee. S.14
2. Fox (1919), S.860
3. Queensland State Archives. (2016, May 23). What’s in a name – Teutoberg or Teutoburg? NO … it’s Witta! Stories from the archives. Online hier verfügbar.
4. Chaddock, Steve & Jacobsen, Dale Lorna. (2022). Teutoburg to Witta : how European settlement helped make Maleny. Maleny (QLD) : Express Print and Mail. S.88-90
5. Maleny Visitor Information Centre Staff. (2012). From Mud to Magic: A History of Maleny. Maleny: Maleny Visitor Information Centre.
6. Hudson, M. (2019, August 22). Battle of the Teutoburg Forest. Encyclopedia Britannica. <www.britannica.com/event/Battle-of-the-Teutoburg-Forest> (Hier in Übersetzung)
7. Odyssey – Ancient History Documentaries. (2021, 3. Februar). The Lost Legions of Varus. [Video]. YouTube. <https://youtu.be/93Wb9aa0-6Q> (Producer/Director: Tony Bulley, a Granada Production) (Hier in Übersetzung)
8. Imgrund, Bernd. (2014). 101 deutsche Orte, die man gesehen haben muss. Darmstadt: Konrad Theiss Verlag. 4. Auflage. S.186
9. Davies, N. (1997). Europe. A History. London: Pimlico. S.827
10. John, Simon. (2019). Statues, Politics and The Past. In History Today. Volume 69 Issue 9. <www.historytoday.com/archive/behind-times/statues-politics-and-past>
11. Hoyer, Katja. (2022). Blood and Iron. The rise and fall of the German Empire 1871-1918. Taschenbuchausgabe. Cheltenham (UK): The History Press. S.8. (Hier in Übersetzung)
12. MacGregor, Neil. (2017). Germany. Memories of a Nation. New York: Vintage Books. S.175 (Hier in Übersetzung)
♦ Literatur:
Fox, Matt J. (1919). The history of Queensland, its people and industries : an historical and commercial review, descriptive and biographical facts figures and illustrations, an epitome of progress. Brisbane: States Publishing Co., Brisbane, <http://nla.gov.au/nla.obj-268958674> S.859-860