Der ›German wagon‹ in Australien
Ein markantes pferdegezogenes Fahrzeug der Vergangenheit in Australien
Der German wagon (deutscher Leiterwagen) war eines der häufigsten und markantesten Gegenstände auf den Farmen der Deutsch-Australier in Südaustralien und vielen Teilen Ostaustraliens. Diese Wagen unterschieden sich von ihren britischen Pendants und galten als ›typisch‹ deutsch. Die Zugtiere waren meistens Pferde (oder manchmal Ochsen) und der Leiterwagen war hauptsächlich aus Holz gebaut, und hatte keine Tragfedern. Die Seitenwände waren nach außen geneigt. Man konnte die Bretter in diesen schrägen Seitenwänden herausnehmen, was den German wagon sehr vielseitig machte, so dass Farmer ihn für viele Transportzwecke einsetzen konnten; der Wagen konnte Güter aller Formen und Größen befördern. Sie waren billig in der Herstellung, aber ungeheuer stabil.[1] Die zwei vorderen Speichenräder waren kleiner als die Hinterräder.
Ein German wagon im Cobb+Co Museum in Toowoomba in Queensland. Das Museum ist eine Zweigstelle des Queensland-Museums und beherbergt die National Carriage Collection (Nationale Kutschensammlung), die sich auf Pferdefahrzeuge und historische Berufe konzentriert.
Der German wagon war für landwirtschaftliche Zwecke beliebt und bekannt, aber in den deutschen Siedlungsgebieten Australiens beförderte der Wagen auch Menschen zu besonderen Anlässen. Sonntags drängten sich große Familien mit 12 oder mehr Personen in ihren Wagen, um die staubige Fahrt zur Kirche anzutreten.[2] Diese Wagen waren auch ein wichtiger Aspekt bei Hochzeitsumzügen und wurden zu diesen Anlässen entsprechend geschmückt. Noris Ioannou schrieb über das Barossa Valley (hier in Übersetzung):
Es wurde eine lange Prozession gebildet, und alle folgten dem mit Girlanden geschmückten German wagon der Braut, der zumindest bis Anfang 1900 das übliche Transportmittel zur Kirche war. Die Prozession der traditionell rot und blau gefärbten Leiterwagen, die von Pferden gezogen wurden, die ebenfalls mit Bändern und Rosetten geschmückt waren, brachte die Hochzeitsgesellschaft zur Kirche.[3]
Noris Ioannou
Ein alter German wagon auf einer Farm in Moculta, Barossa Valley
Ein alter German wagon in Hahndorf, S.A.
Im Jahr 1864 gründeten deutsche Einwanderer südlich von Brisbane ein Dorf mit dem Namen Bethania. Ein Familienfoto war im Jahr 1871 für ländliche Familien nicht gerade ein übliches Ereignis. Auf dem Foto oben einer deutschen Bauernfamilie in der Gegend von Bethania sieht man, dass sie versucht haben, zu zeigen, wie gut es ihnen in ihrer Wahlheimat geht. Sie tragen ihre beste Kleidung, stehen vor einem beeindruckenden Farmgebäude und haben ihren German wagon (Leiterwagen) und einige Pferde in ihr gestelltes Foto aufgenommen.
Eine deutsche Familie vor einem Farmgebäude in der Gegend von Bethania, Queensland, circa 1871
Foto: John Oxley Library, State Library of Queensland, Negative No: 20265. <https://hdl.handle.net/10462/deriv/66502>
Der Begriff German wagon (deutscher Wagen) wurde in Australien so gebräuchlich, dass er auch für Wagen verwendet wurde, die nicht dem typisch deutschen Stil entsprachen. Das Australian National Dictionary nahm den Ausdruck als Teil seiner Sammlung australischer Wörter und Ausdrücke auf. Seine Definition von ›German wagon‹ lautet: »Any of a range of open, all-purpose, (usu. horse-drawn) wagons.«[4]
Im 20. Jahrhundert, als sich Autos und Lastwagen immer mehr durchsetzten, ging die Verwendung von German wagons allmählich zurück, aber sie (und der Ausdruck German wagon) waren in den 1950er Jahren an einigen Orten noch in Gebrauch, wie einige Zeitungsberichte aus dieser Zeit zeigen. Aus einigen dieser Berichte geht hervor, dass sie auch von Menschen benutzt wurden, die nicht deutscher Abstammung waren. Das folgende Bild zeigt ein Beispiel dafür.
Artikel aus einer Regionalzeitung von Queensland (The Beaudesert Times), der von einem Vorfall mit einem German wagon im Jahr 1950 berichtet.[6] (Bildschirmfoto - Ausschnitt)
Ein alter German wagon auf einer Farm in der Wimmera-Region, im Westen von Victoria
♦ Einzelnachweise:
1. Harmstorf (1994), S.30-31
2. Cobb & Co Museum, Infotafel
3. Ioannou (2000), S.49
4. Erdmann (1988), S.120
5. Ramson (1988) - Definition von German wagon
6. WAGON POLE CAUSES INJURY (1950, August 25). The Beaudesert Times (Qld. : 1908 - 1954), p. 5. Retrieved May 16, 2022, from <http://nla.gov.au/nla.news-article216170417>
♦ Literatur:
Cobb & Co Museum, Toowoomba. (Teil des Queensland Museum). (2008). Infotafel vor dem ausgestellten German wagon.
Erdmann, Claudia. (1988). Rural settlements founded by German immigrants in South Australia and Queensland during the 19th century. In: Manfred Jurgensen & Alan Corkhill & University of Queensland, Department of German (Eds.), The German presence in Queensland over the last 150 years : proceedings of an international symposium August 24, 25 and 26, 1987 University of Queensland, Brisbane, Australia (S.112-124). St. Lucia [Qld.] : Dept. of German, University of Queensland
Harmstorf, Ian. (1994). Insights into South Australian History, vol. 2, South Australia’s German History and Heritage. Historical Society of South Australia Inc.
Ioannou, Noris. (2000). Barossa Journeys: into a valley of tradition. (Zweite Ausgabe) Sydney: New Holland Publishers
Ramson, W. S. (1988). The Australian national dictionary : a dictionary of Australianisms on historical principles. Melbourne : Oxford University Press. Zugang zur ersten Ausgabe des Australian National Dictionary ist kostenlos online verfügbar.