Geistliche Führer

Clamor Schürmann

Ausbildung

(Foto: Wikimedia Commons) Kirche

Die evangelische St.-Bartholomäi-Kirche in Altenburg, Thüringen, Deutschland. In dieser Kirche, die 1443 fertiggestellt wurde, fand im Jahre 1838 die Ordinationsfeier von Schürmann und Teichelmann statt. Die ältesten Teile der Kirche stammen aus dem 12. Jahrhundert.

Fotoquelle: J.-H. Janßen, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Clamor Wilhelm Schürmann (1815-1893) war ein lutherischer Missionar und Pastor, der am 7. Juni 1815 in Schledehausen bei Osnabrück im Königreich Hannover geboren wurde. Seine Eltern starben, als er noch ein Kind war. Nach seiner Volksschulzeit besuchte er die Missionsschule von Johannes Jänicke in Berlin, um eine Ausbildung zum Missionar zu machen. An der Missionsschule lernte er einen Mitschüler namens Christian Gottlob Teichelmann (1807-1888) kennen. Sie lernten dort Latein, Englisch, Griechisch und Hebräisch sowie ausländische Geographie, Weltgeschichte, Kirchengeschichte und Theologie.

Pastor A. L. C. Kavel und George Fife Angas wandten sich an die ›Evangelisch-Lutherische Missionsgesellschaft zu Dresden‹ in der Hoffnung, Missionare für die neue Kolonie Südaustralien zu gewinnen. Im Jahr 1836 begannen Schürmann und Teichelmann eine weitere Missionsausbildung in Dresden, und im Februar 1838 ordinierte die Gesellschaft sie als lutherische Pastoren. Im Oktober kamen sie mit dem Schiff Pestonjee Bomanjee in Adelaide an, das auch den neuen Gouverneur der Kolonie Südaustralien, Gouverneur Gawler, an Bord hatte.[1]

Südaustralien

Mit geringer finanzieller Unterstützung gründeten Schürmann und Teichelmann die erste Schule für Aborigines in Südaustralien. Sie unterrichteten zunächst im Freien und zogen dann nach Piltawodli (Opossumhaus), einem Aborigine-Reservat am Nordufer des River Torrens in Adelaide. Für die deutschen Missionare war es wichtig, Sprachen der Aborigines zu lernen und zu nutzen – für sie war das der Anfang der Missionsarbeit[2] (für viele britische Missionare war die Beschäftigung mit der Sprache der Eingeborenen nicht so wichtig). Teichelmann und Schürmann veröffentlichten 1840 ein Grammatikbuch mit etwa 2000 Wörtern der Kaurna-Sprache, das heute eine wichtige Quelle für die heutigen Linguisten und andere Personen ist, die sich um die Wiederbelebung der Kaurna-Sprache bemühen. Gouverneur Gawler lobte die Arbeit der beiden deutschen Missionare und beschrieb sie als (hier in Übersetzung) »ernsthafte, intelligente und ausdauernde Christenmenschen«.

Malcolm King schrieb 2008 im Sydney Morning Herald über die Bedeutung der Arbeit von Schürmann und Teichelmann für die Wiederbelebung der Kaurna-Sprache (hier in Übersetzung):[3]

Die beiden waren keine Bibelfritzen, die die lokale Sprache ausrotten wollten. Sie waren christliche Linguisten, die die Kaurna-Sprache akribisch aufzeichneten, obwohl sie wussten, dass sie vom Aussterben bedroht war. Sie retteten mehr, als sie wussten.

Malcolm King

Teichelmann war ein engagierter und offener Fürsprecher für die Aborigines in Adelaide. Er wurde Dolmetscher für die Regierung, bewirtschaftete eine Farm und diente als Pastor einer lutherischen Gemeinde in Adelaide. Er heiratete Margaret Nicholson am Weihnachtstag 1843 und blieb bis zu seinem Tod 1888 im kirchlichen Leben aktiv.[4]

Schürmann wurde 1840 stellvertretender Beschützer der Aborigines (Deputy-Protector of Aborigines) in Port Lincoln. Er arbeitete häufig als Dolmetscher bei polizeilichen Ermittlungen und reiste zu Gerichtsverhandlungen nach Adelaide. Bis Ende 1840 hatte er 500 Wörter der Parnkalla- (Banggarla-) Sprache gesammelt. Schürmann bat wiederholt die Regierung um Unterstützung für eine landwirtschaftliche Siedlung und eine Schule für Aborigines. Im Jahr 1844 veröffentlichte er ein Parnkalla-Wörterbuch. Schürmann musste sich in der Gegend von Port Lincoln vielen Herausforderungen stellen. Es kam häufig zu Gewalt zwischen Aborigines und britischen Siedlern. Angriffe von Aborigine-Gruppen im Landesinneren, die sich nach einem Angriff von den Rändern der Siedlungsgebiete zurückzogen, führten zu harten, wahllosen Vergeltungsmaßnahmen seitens der englischen Behörden. Schürmann geriet in die Zwickmühle. Er sollte mit den Aborigines kommunizieren, aber seine Ratschläge über Schuld und Unschuld wurden von den Kolonialbehörden ignoriert, die lieber schnelle Hinrichtungen durchführten. Dadurch wurde es für Schürmann schwieriger, Vertrauen zu den Barngarla und Nawu aufzubauen.[5]

1847 zog Schürmann nach Encounter Bay, heiratete Wilhelmine Charlotte Maschmedt (wie Schürmann stammte sie aus Osnabrück) und sie hatten schließlich neun Kinder. Nachdem die Mission in Encounter Bay gescheitert war, kehrte er 1848 als Dolmetscher nach Port Lincoln zurück und eröffnete 1850 eine Schule mit Unterricht in der Parnkalla-Sprache. Die Schule wurde 1852 geschlossen, und die Schüler*innen wurden in die Ausbildungsstätte für Eingeborene in Poonindie verlegt (die von den englischen Kirchenbehörden eingerichtet wurde), in der jedoch kein Unterricht in den Sprachen der Eingeborenen stattfand. 1853 nahm eine neue deutsche Gemeinde im Südwesten Victorias Kontakt zu Schürmann auf und bat ihn, ihr Pastor zu werden - er nahm dieses Angebot an.

Das sprachliche Erbe

Die detaillierten Aufzeichnungen und Beschreibungen, die Schürmann und Teichelmann über die kulturellen Praktiken der Ureinwohner Südaustraliens und vor allem über ihre Sprache gemacht haben, werden von den südaustralischen Ureinwohnern sehr geschätzt, die versuchen, den alltäglichen Gebrauch dieser Sprachen wiederzubeleben.

Im Jahr 2012 begann das Volk der Parnkalla (auch Barngarla genannt) auf der südaustralischen Eyre-Halbinsel mit der Wiederbelebung seiner Sprache mit Hilfe des Wörterbuchs, das Schürmann 1844 geschrieben hatte. Es ist die Quelle für mehr als 2 500 Wörter, die wieder in den lokalen Wortschatz aufgenommen werden. Lynley Wallis von der Flinders University sagte 2015 zu ABC News (hier in Übersetzung): »Clamor Schürmann konnte mit den Aborigines Gespräche führen, die für die frühen Siedler nicht möglich waren. Er war in der Lage, mit den Aborigines zu ihren Bedingungen zu kommunizieren. Es war ein beidseitiger Austausch kultureller Ideen, der auf viel Vertrauen basierte.«[6] Schürmann identifizierte und beschrieb sehr detailliert viele wichtige kulturelle Merkmale und Bräuche der Parnkalla, darunter auch eine besondere Reihe von Initiationszeremonien.[7]

Ein Grund dafür, dass Schürmann so gute Beziehungen zu den Eingeborenen in der Gegend von Adelaide und Port Lincoln aufbauen konnte, war, dass er die Eingeborenen wirklich als gleichberechtigte Menschen ansah, zu einer Zeit, als alle anderen Europäer sie als minderwertige Wesen betrachteten. Dies spiegelt sich auch in der großen Anzahl von persönlichen Namen der Aborigines wider, die er in seinen Briefen und Berichten verwendete. Viele Europäer gaben den Aborigines erfundene oder englische Namen, aber Schürmann nannte sie bei ihren eigenen Namen, ein Zeichen seines Respekts für sie.[8]

Die Dresdner Missionare haben die bei weitem umfassendste und beste Dokumentation der (Kaurna-)Sprache, wie sie im neunzehnten Jahrhundert gesprochen wurde, erstellt.[9] Der Forscher Kim McCaul (hier in Übersetzung): »Schürmann hat ein Archiv hinterlassen, das Sprachwissenschaftlern, Anthropologen und Historikern weiterhin wertvolle Daten liefert und für die Nachkommen der Menschen, mit denen er gearbeitet hat, von bleibender Bedeutung ist.«[10]

Im Westen Victorias

(Foto © D. Nutting) Grabstein

Schürmann Grabstein, auf dem Friedhof South Hamilton

Die Inschrift lautet teilweise: geboren 7. Juni 1815 bei Osnabrück, Deutschland; gestorben 3. März 1893 in Bethanien, S.A. (Südaustralien)

Die Church of England in Südaustralien bot Schürmann die Möglichkeit, Priester (Pfarrer) in der anglikanischen Kirche zu werden. Er lehnte jedoch ab und nahm 1853 die Einladung an, lutherischer Pfarrer einer Gemeinde von Deutschen im Südwesten Victorias zu werden, von denen die meisten aus der Barossa-Region in Südaustralien dorthin gezogen waren. Schürmann half ihnen bei den Verhandlungen mit den viktorianischen Behörden, Zugang zu Land in der Nähe von Hamilton (das damals als ›The Grange‹ bekannt war) zu erhalten. Diese Deutschen nannten ihr Dorf Hochkirch, nach einer kleinen Stadt in Sachsen in Ostdeutschland. Wie bei den Pfarrern in deutschen Gemeinden in Australien üblich, war Schürmann eine Zeit lang auch Lehrer an der Schule in Hochkirch und wurde zu einem hoch angesehenen und einflussreichen Mitglied der Gemeinde. Etwa 40 Jahre lang diente er den Lutheranern in einem ausgedehnten Gebiet, und bereits 1860 reiste Schürmann jedes Jahr weite Strecken, um gelegentliche Gottesdienste für Lutheraner in so weit entfernten Orten wie Mount Gambier (in Südaustralien), in Mortlake, in Warrnambool und so weit östlich wie Waldkirch (Freshwater Creek) und Germantown (Grovedale) in der Gegend von Geelong zu halten. Auf dem Weg zu jedem dieser Orte kümmerte er sich um einzelne deutsche Familien entlang der Strecke. Als die deutschen Bauern begannen, vom Western District nach Norden in die Wimmera zu ziehen, besuchte er sie in Orten wie Natimuk, Vectis und Green Lake, bis sie Mitte der 1870er Jahre einen eigenen Pfarrer bekamen.[11]

Ein Besucher in Hochkirch, der sich über die Begegnung mit Pastor Schürmann freute, war der »Vagabund«. ›The Vagabond‹ war das Pseudonym von John Stanley James, einem Engländer, der im Alter von 31 Jahren nach Australien zog. Im Jahr 1884 begann er, für die Melbourner Zeitung The Argus eine Reihe von Artikeln mit dem Titel ›Picturesque Victoria‹ über Orte zu schreiben, die er auf einer Reise durch die Kolonie besucht hatte.[12] Er war beeindruckt von der ruhigen, geduldigen und fleißigen Bevölkerung von Hochkirch, und seiner Meinung nach regierte Pastor Schürmann (hier in Übersetzung) »die Siedlung so despotisch, wie jeder irische Priester seine Gemeinde regieren könnte«. Er hielt Pastor Schürmann jedoch für einen klugen Mann und war beeindruckt von der Auswahl an Büchern in Schürmanns Arbeitszimmer: (hier in Übersetzung) »Der Tisch seines Arbeitszimmers ist übersät mit englischen und deutschen Büchern von guten Autoren.« ›The Vagabond‹ beschrieb Schürmann weiter: »In seinem 70. Lebensjahr ist sein weißes Haar immer noch üppig, sein Gesicht rötlich wie ein Pippin, und er ist immer noch aktiv in Körper und Geist.«[13] (»ruddy as a pippin« = eine altmodische Redewendung, die besagt, dass das Gesicht einer Person aufgrund ihrer guten Gesundheit rötlich und vielleicht rund ist - ein Pippin ist eine Apfelsorte)

›The Vagabond‹ schrieb über Schürmanns Gemeinschaft wie folgt (hier in Übersetzung):[13]

Eine Reihe stiller, sparsamer Preußen hat sich hier seit vielen Jahren niedergelassen. Bald kommen wir in das Gebiet ihrer Bauernhöfe. Hier stehen am Straßenrand die Schilder von deutschen Schuhmachern und Schneidern. Alles hat einen Hauch von Vaterland. (...) Nimmt man den Eukalyptus weg, könnten wir in Deutschland sein. (...) Die Männer und Frauen, die wir sehen, sind behäbig und geduldig, (...) die Kinder sind stämmig und haben flachsfarbene Haare. Hochkirch ist im Wesentlichen ein friedlicher und nüchterner Ort.

Foto: Schürmann

Pastor C W Schürmann

Fotoquelle: St Michael's Lutheran Archives, Tarrington

Heide Kneebone kam im Australian Dictionary of Biography zu dem Schluss, dass Schürmann (hier in Übersetzung) »ein begnadeter Linguist und ein mitfühlender und engagierter Missionar war, und seine Dokumentation der indigenen Sprachen in den Gebieten von Adelaide und Port Lincoln war ein bleibendes Vermächtnis. Schürmanns Frau ›Minna‹ verstarb 1891, und er starb am 3. März 1893, als er an der Synode in Bethany, Südaustralien, teilnahm. Er wurde auf dem West Terrace Friedhof in Adelaide begraben und später auf den South Hamilton Friedhof umgebettet. Vier Söhne überlebten ihn.«[14]

In der Gegend von Tarrington und in Minyip und Natimuk in der Wimmera-Region gibt es Landstraßen und Straßen, die den Namen Schürmann tragen, da Söhne und Enkel von Pastor Schürmann an diesen Orten lebten.[15]

♦ Einzelnachweise:

1. Kneebone (2005).

2. Leitner, Gerhard (2006). Die Aborigines Australiens. München : C.H. Beck. S.101 / McCaul (2017), S.60

3. King, Malcolm. (2008, 6. September). The resurrection of a language long lost. The Sydney Morning Herald. Online <www.smh.com.au/national/the-resurrection-of-a-language-long-lost-20080905-4aqi.html>. Abgerufen 08.08.2024.

4. Kneebone (2005).

5. McCaul (2017), S.61

6. Dulaney, Michael & Williams, Deane. (2015, 16. Nov). Links to German linguist hold key to reviving an Aboriginal language. ABC Eyre Peninsula. Online verfügbar hier.

7. McCaul (2017), S.63

8. McCaul (2017), S.60

9. Amery (2013), S.43

10. McCaul (2017), S.74

11. Huf (2003), S.274

12. Barnes, John. 'James, John Stanley (1843–1896)', Australian Dictionary of Biography, National Centre of Biography, Australian National University, https://adb.anu.edu.au/biography/james-john-stanley-3848/text6113, erstmals veröffentlicht in gedruckter Form 1972, online abgerufen 11. August 2024.

13. PICTURESQUE VICTORIA. (1885, April 11). The Argus (Melbourne, Vic. : 1848 - 1957), S. 4. Abgerufen 10. August, 2024, von http://nla.gov.au/nla.news-article6074626.

14. Kneebone (2005).

15. Huf, Betty. Persönliche Mitteilung (Email). 21.10.2025. (Ortschronistin)

♦ Literatur:

Amery, Rob. (2013). Beyond Their Expectations: Teichelmann and Schürmann’s efforts to preserve the Kaurna language continue to bear fruit. In: Beyond All Expectations - The Works of Lutheran Missionaries from Dresden, Germany amongst the Aborigines of South Australia, 1838-1853. Adelaide: Kaurna Warra Pintyanthi (KWP) - The Kaurna Language Reclamation Program, Discipline of Linguistics, School of Humanities, University of Adelaide. August 2014 (Second Edition). Online verfügbar hier.

Huf, Betty (2001, Januar). Persönliche Mitteilung. (Ortschronistin).

Huf, Betty. (2003). Courage, patience and persistence : 150 Years of German settlement in Western Victoria. Tarrington, Vic. : Sesquicentenary Committee, St Michael's Lutheran Church.

Kneebone, Heide. 'Schürmann, Clamor Wilhelm (1815–1893)', Australian Dictionary of Biography, National Centre of Biography, Australian National University, https://adb.anu.edu.au/biography/schurmann-clamor-wilhelm-13284/text23925, erstmals veröffentlicht in gedruckter Form 2005, online abgerufen 25. Juni 2024.

Leske, Everard. (1996). For Faith and Freedom: the Story of Lutherans and Lutheranism in Australia 1838-1996. Adelaide: Openbook Publishers. S.67-68, 136

Lockwood, Christine. (2014). Dresden Lutheran Mission work among the Aboriginal people of South Australia 1838–1853. In: Beyond All Expectations - The Works of Lutheran Missionaries from Dresden, Germany amongst the Aborigines of South Australia, 1838-1853. Adelaide: Kaurna Warra Pintyanthi (KWP) - The Kaurna Language Reclamation Program, Discipline of Linguistics, School of Humanities, University of Adelaide. August 2014 (Second Edition). Online verfügbar hier.

Lodewyckx, Prof. Dr. A. (1932). Die Deutschen in Australien. Stuttgart: Ausland und Heimat Verlagsaktiengesellschaft. S.55

McCaul, Kim. (2017). Clamor Schürmann’s contribution to the ethnographic record for Eyre Peninsula, South Australia. In: German ethnography in Australia. (editors: Peterson, Nicolas and Kenny, Anna). Canberra: Australian National University Press. S. 57-77