Cornelia Rau
Deutsch-Australierin in Isolationshaft
Cornelia Rau wanderte im Jahre 1967 mit 18 Monaten mit ihren Eltern von Hamburg nach Australien aus. Der Fall der 39-jährigen psychisch kranken deutsch-australischen regulären Einwohnerin, die erstmal ins Gefängnis eingesperrt wurde und schließlich in Isolationshaft in einem Outback-Auffanglager für angeblich illegale Migranten kam, sorgte in Australien und weltweit für Aufruhr und Schlagzeilen, weil der Fall die Zustände in Australiens Auffanglagern für Asylbewerber beleuchtete.
Frau Rau arbeitete noch bis im Jahr 2000 als Flugbegleiterin bei der australischen Fluglinie Qantas, aber in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts wurde sie psychisch krank und litt an Schizophrenie. Am 17. März 2004 brach sie aus der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses von Manly in Sydney aus, und die Polizei von New South Wales setzte sie im August auf die Vermisstenliste.[1]
Frau Rau reiste von Sydney aus in den hohen tropischen Norden Australiens und hielt sich in der Nähe einer Siedlung von Ureinwohnern auf. Diese Ureinwohner fanden das Verhalten der Frau merkwürdig und alarmierte die Polizei. Cornelia Rau trug offenbar keine oder falsche Papiere auf sich und sagte der Ortspolizei, dass sie eine deutsche Bürgerin namens Anna Schmidt sei, die aus München sei und als Tourist in Australien unterwegs sei. Hier kam der Verdacht auf, dass Cornelia Rau (die ihren eigenen Namen nicht verwendete, sondern die erfundenen Namen Anna Schmidt und Anna Brotmeyer) sich illegal in Australien aufhalte.[2]
Die Deutsche Honorarkonsulin in der nordaustralischen Stadt Cairns, Frau Iris Indorato, führte zwei Stunden lang ein Gespräch mit Frau Rau auf Deutsch aber konnte sie nicht identifizieren. Der Konsulin fiel Frau Raus ‘kindliches’ Deutsch auf (in Bezug auf Satzbau). Spätere Versuche der deutschen Botschaft, Raus deutsche Herkunft nachzuweisen, waren nicht erfolgreich.[3]
Weil Cornelia Rau Deutsch sprach und weil man sie nicht identifizieren konnte und für eine illegal Immigrantin hielt, brachte die australische Einwanderungsbehörde sie zunächst in das Frauengefängnis von Queensland unter. Queensland hatte kein Auffanglager für “illegale” Einwanderer, und das Frauengefängnis in Wacol hatte keinen getrennten Bereich für Asylbewerberinnen – also wurde Anna unter den allgemeinen Gefängnisinsassen untergebracht. Sechs Monate lang blieb sie dort ohne Gerichtsverhandlung oder Verurteilung. Das Leben im Gefängnis machte ihre Krankheit, ihre Albträume und Verfolgungsängste schlechter. Die Einwanderungsbehörde beschrieb ihr Verhalten lediglich als "seltsam".[4] Die Behörde untersuchte ihren Geisteszustand nie gründlich. Stattdessen brachte die Behörde die kranke Frau in das Asylbewerberlager Baxter, das am Rande der Wüste Südaustraliens lag. Dort kam Cornelia Rau in Einzelhaft.

Schild vor dem Auffanglager Baxter, am 04.08.2006 von Gerry Considine aufgenommen.
Foto: Wikimedia Commons und gemeinfrei
Am 20. Januar 2005 informierte das deutsche Konsulat die australische Einwanderungsbehörde, dass Anna ihrer Meinung nach höchstwahrscheinlich eine langjährige reguläre Einwohnerin Australiens sei, die als Kind mit ihren Eltern eingewandert war. Vier Tage später teilte das Konsulat der Behörde mit, dass sie nach internationalem Recht den Fall nicht mehr bearbeiten dürfte, da es keinen Anlass zum Schluss gäbe, dass Anna deutsche Staatsbürgerin sei.[5]
Andere Asylbewerber im Lager in Baxter, zum Beispiel aus dem Irak, dem Iran und Afghanistan, machten sich Sorgen um die kranke Deutsch-Australierin und alarmierten schließlich kirchliche Flüchtlingsbetreuer.
Im Januar 2005 war eine der engagierteren Asylbewerberbefürworter, Pamela Curr, sehr besorgt über die Geschichten, die sie über eine sehr kranke junge Deutsche gehört hatte. Sie gab sich große Mühe, Informationen über Anna an die Öffentlichkeit zu bringen. Die Journalistin Andra Jackson wurde darauf aufmerksam und am 31. Januar erschien ein Artikel über die merkwürdige Geschichte von Anna in den großen Tageszeitungen The Age (Melbourne) und The Sydney Morning Herald. Der Artikel in The Age trug den Titel "Mystery woman held at Baxter could be ill."[6]
Cornelias Eltern Edgar und Veronika waren im frühen Februar im Urlaub, und Familienfreunde schickten ihnen den Zeitungsbericht. Könnte die geheimnisvolle junge Deutsche mit dem Namen Anna eigentlich Cornelia sein? Um 14 Uhr am 3. Februar kontaktierte Cornelias Mutter die Polizei im Sydneyer Vorort Manly. Das Auffanglager in Baxter schickte der Polizei per Email ein Foto von Anna, und die Polizei leitete das Foto an die Familie Rau weiter. Das Foto zeigte ihre Tochter Cornelia.
Schnell holte die südaustralische Polizei Cornelia von Baxter ab und brachte sie per Flugzeug in das psychiatrische Krankenhaus Glenside bei Adelaide.
Es gab große Empörung in der australischen Gesellschaft, als Cornelias Erlebnisse im Gefängnis in Brisbane und anschließend im Auffanglager von Baxter publik wurde. Dies führte dazu, dass die australische Regierung eine Untersuchungskommission einrichtete, unter der Leitung des ehemaligen Polizeichefs Mick Palmer.
Bericht der Untersuchungskommission
Nach der Veröffentlichung des Berichts der Untersuchungskommission entschuldigte sich der australische Premierminister John Howard bei Cornelia Rau. Mick Palmer übte in seinem Bericht scharfe Kritik an der Asylbewerberpolitik der Regierung und ein paar Änderungen wurden durchgeführt.[7] Vor allem kritisierte Palmer die Geisteshaltung der Einwanderungsbeamten. Die Beamten hätten von Anfang an angenommen, dass Cornelia Rau eine illegale Einwanderin war.
Der Bericht der Untersuchungskommission betont auf der ersten Seite, dass es schwer zu glauben ist, dass eine reguläre Einwohnerin Australiens 10 Monate lang nicht identifiziert bleiben konnte.[8] Der Bericht erwähnt außerdem Beispiele von ein paar Faktoren, die den Fall kompliziert machten:
- In unterschiedlichen Interviews, die die Beamten aufnahmen, redete Cornelia manchmal Englisch mit deutschem Akzent, und zu anderen Zeiten redete sie australisches Englisch ohne irgendeinen deutschen Akzent.[9]
- Ein Beamter der Einwanderungsbehörde aus Canberra besuchte am 20. Oktober 2004 Anna im Lager in Baxter und fragte Anna direkt, ob sie Australierin sei; Anna antwortete nicht.[10]
- Ihre Familie meldete sie bei der Polizei als vermisst erst fast fünf Monate nachdem sie in Nordqueensland interviewt wurde. Wegen ihrem bisherigen Verhalten in schwierigen Situationen machten sich ihre Familienangehörigen keine großen Sorgen.[11]
Im Bericht kam die Untersuchungskommission zum Schluss, dass drei wichtige Faktoren gemeinsam zur Folge hatten, dass Bemühungen, Anna mit Cornelia Rau zu verbinden durchkreuzt wurden:
- die Person, die Cornelia Rau der Welt präsentierte, existiert nicht.
- es gab zu viel Verlass, über einen zu langen Zeitraum hinaus, auf Informationen, die Anna zur Verfügung stellte.
- die Identifizierungs-Maßnahmen waren zu ad hoc, unstrukturiert und ungemanagt.
Der Bericht hebt dies hervor: Anna wollte nicht gefunden werden, und man weiß nicht warum.[12]
♦ Einzelnachweise:
1. Sydney Morning Herald (2005). Cornelia Rau: the verdict. veröffentlicht 18/07/2005. [abgerufen 17.12.2019]
2. Palmer, Mick (2005). Report of the Inquiry into the Circumstances of the Immigration Detention of Cornelia Rau. ('Palmer-Bericht') S. 9
3. Palmer Report, S. 10-11
4. Sydney Morning Herald (2005). Cornelia Rau: the verdict. veröffentlicht 18/07/2005. [abgerufen 17.12.2019]
5. Palmer Report, S. 17
6. Palmer Report, S. 19
7. Palmer Report, S. 81
8. Palmer Report, S. 1
9. Palmer Report, S. 106
10. Palmer Report, S. 15
11. Palmer Report, S. 2
12. Palmer Report, S. 95
♦ Literatur:
Palmer, Mick (2005). Inquiry into the Circumstances of the Immigration Detention of Cornelia Rau (PDF archiviert online). Department of Immigration and Multicultural and Indigenous Affairs. ('Palmer-Bericht')
Manne, Robert (2005). The unknown story of Cornelia Rau. In: The Monthly (September 2005), S. 20-33